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Sergio Leone

Harald Steinwender: Sergio Leone –
Es war einmal in Europa. Berlin 2009. Bertz + Fischer, 400 Seiten. 25,- Euro.

Filmlektüre als Pastiche

Von Martin Holtz Die klassische Auteurtheorie ist eigentlich schon seit den 1970er Jahren nicht mehr aktuell. Trotzdem haben Bücher über Filmemacher Hochkonjunktur, sind aber längst nicht mehr darauf aus, lediglich die verbindenden Themen und Stilmittel in der Entwicklung eines Œuvres zu verfolgen. Stattdessen, und so ist es auch in diesem Buch, werden die Filme eines Regisseurs in verschiedenen Kontexten beleuchtet. Und gerade Sergio Leone scheint geeignet für eine dergestalt konzipierte Werkanalyse, steht er doch, wie der Autor überzeugend belegt, am Anfang des sogenannten postklassischen Kinos, das sich durch Pastiche charakterisieren läßt, also die Rekontextualisierung des schon Bekannten, um Neues zu schaffen.

Auf diese Weise spürt der Autor den Bedeutungsebenen in Leones Werk nach, von der Ko-Regie beim Historienschinken Die letzten Tage von Pompeji über seine Italowesternklassiker bis hin zum Gangsterepos Es war einmal in Amerika, zieht dazu Theoretiker von Adorno bis Žižek heran, schafft immer wieder den Brückenschlag von spezifischen filmischen Mitteln wie Musik, Bildkomposition und Montage hin zu deren narrativen und ideologischen Implikationen, setzt die Filme in Bezug zu industriellen Strukturen, zu Genremustern, Gender- und Ethnizitätsproblematiken und Geschichts- und Nationsdiskursen, die die wechselhafte Beziehung von Amerika und Europa, Gegenwart und Vergangenheit unterstreichen, und verweist dabei immer wieder auf die verschiedenen Ebenen ihrer Selbstreflexivität.

Dabei wird stets die Komplexität in Leones Werk betont, für das paradigmatisch die letzte Einstellung aus Spiel mir das Lied vom Tod herangezogen wird, als Rächer Charles Bronson in den Sonnenuntergang reitet, während im Vordergrund die Arbeiter den Bahnhof fertigstellen. Hier, so der Autor, verbinden sich »der Mythos von der Gründung der Frontier, ihre archetypischen Helden und deren Tod, die Idee des Melting Pot und ein marxistisch-leninistisches Geschichtsbild gemeinsam in einer Einstellung«. So existieren in Leones Schaffen Kritik an und Affirmation von geschichtlichen Entwicklungen und deren mythisch-verklärender Repräsentation im Kino nebeneinander.

Die Untersuchung dieser filmischen Pluralität ist spannend und macht Lust auf eine Wiederentdeckung der allseits bekannten und schon oft analysierten Filme, auch wenn vieles des Gesagten schon bekannt ist. Aber irgendwie paßt das auch: Denn wie Leones Werk selbst hat auch das vorliegende Buch etwas Pastichehaftes, ist quasi eine »Interpretationsbricolage«. Werk und Werkanalyse gleichen sich in der Form an. 2010-01-13 15:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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