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Film-Konzepte 16

Fabienne Liptay, Thomas Koebner (Hg.): Film-Konzepte 16. Neil Jordan. München 2009. edition text + kritik, 117 Seiten. 19,- Euro.

Scherbenkino

Von Ines Schneider Wer in Neil Jordans Filmen bisher nur eine Ansammlung schwer verständlicher Symbole und irritierender Brüche sehen konnte, dem wird die sechzehnte Ausgabe der Film-Konzepte helfen, im Schaffen des Regisseurs eine enorme Fülle von Erzähl- und Ausdrucksformen zu entdecken, was vielleicht wertvoller ist als ein klar umrissener Stil. Politische Porträts und Thriller gehören genauso zu seiner Filmographie wie Melodramen, Mythen und böse Träume gedeihen bei ihm in den Wäldern Englands so gut wie in den Sümpfen Louisianas, bescheidenere Projekte in Europa wechseln sich mit der Arbeit an Hochglanzproduktionen ab.

Wie eindringlich und faszinierend seine Filme sind, zeigt sich dadurch, daß Bruchstücke seines Werkes so berühmt wurden, daß sie nun Teil der Massenkultur sind. So begegnet einem beispielsweise die Melodie »The Crying Game« in Tom Shadyacs Ace Ventura ebenso wie in den Simpsons. Jedes mal begleitet sie eine humoristisch weitgehend ausgeschlachtete Situation: Ein Mann wird von einem anderen Mann geküßt, zu seiner größten Überraschung und »natürlich« zu seinem größten Ekel. Man kann keineswegs behaupten, daß in diesen beiden Fällen die Zuschauer nicht bereit seien, sich auf vertrackte Wendungen und Subtexte eines Films einzulassen. Ace Ventura ist eine recht clevere Parodie auf fast jedes Genre (an dieser Stelle eben das des europäischen Autorenfilms) und die Simpsons-Serie ein wahres Lexikon der Kulturgeschichte. Doch dem breiteren Publikum sind scheinbar nur die offensichtlichsten Aspekte von Jordans Filmen im Bewusstsein geblieben. Aber diese haben demnach starken Eindruck gemacht und das ist mehr, als die meisten Regisseure für sich in Anspruch nehmen können.

Wie komplex und individuell Jordans Arbeitsweise wirklich ist, wie bei ihm keine Standardsituation hält, was sie verspricht, verdeutlicht der vorliegende Essay-Band. Die Herausgeber Fabienne Liptay und Thomas Koebner versammeln darin die Texte von acht verschiedenen Autoren, die den Leser durch das Dickicht der Motive und Verweise führen.

Wer als Ire Filme in Irland dreht, kann den Nordirlandkonflikt nicht ausblenden. Und da auch der unpolitischste Ire mit den Bürgerkrieg leben muß, ist es nur folgerichtig, dieses Leben mit der Bedrohung zu schildern, ohne dabei zwangsläufig eine Kriegsfilm zu drehen. Bernd Zywietz beschäftigt sich mit den Werken, die den übergroßen Druck thematisieren, der auf den Helden von Angel und Michael Collins lastet. Klaus Peter Müller sieht in Francie aus The Butcher Boy und Patrick aus Breakfast on Pluto vor allem zwei Jungen, die in ihrer gewalttätigen Welt nach Vorbildern und Richtlinien suchen. Sie nehmen dabei die Bilder und Normen des Kinos und der Comics genauso auf wie die der Kirche und der gesellschaftlichen Stereotypen. Francie imitiert die verschiedensten Verhaltensmodelle, von denen keine als Perspektive für sein eigenes Leben taugt. Etwas erfolgreicher ist Patrick, der sich hinter dem Namen und der vielschichtigen Persönlichkeit von »Kitten« verbirgt und mit seiner Vorstellungskraft seine Erlebnisse gezielt in seinem Sinne umdeutet. Auch Fabienne Liptay nimmt diese Figur auf, zusammen mit Dil aus The Crying Game. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die vielen verschiedenen Facetten, die diese Charaktere ausmachen. Es sind so viele, daß die helleren dieser Facetten die düsteren Lebensumstände überstrahlen können.

Matthias Abel spürt in einigen Werken Jordans der Tradition des »fetale gothic« nach, einer Literaturströmung des 18. Jahrhunderts, in deren Zentrum fast immer die Befreiung einer weiblichen Protagonistin steht. Bei den Märchenadaptionen in The Company of Wolves und dem Horrorthriller In Dreams ist dieser Ansatz plausibel, bei Interview with the Vampire scheint Abel ihn etwas aus den Augen zu verlieren. Die US-amerikanische Großproduktion von 1994 stellt vielleicht doch nicht den Angriff auf die erzählerischen Konventionen dar, als den Abel ihn beschreibt. Der Film folgt zwar eng der Romanvorlage der Autorin Anne Rice, doch die (eher leichte) Erschütterung der Geschlechterrollen erfolgt im Text eher durch eine etwas ungewohnte Sicht auf die erotischen Seiten des Vampir-Daseins.

Bei einigen Beiträgen wäre es vielleicht angebracht gewesen, auch noch dem möglichen Einfluss Jordans auf andere Film- und Fernsehregisseure nachzugehen. In Abels Ausführungen hätte ein Blick auf die weitere Entwicklung der Vampir- und Gothikstoffe die Argumentationskette eventuell bereichert. Möglicherweise ist es ein Werk wie Interview with the Vampire, das Serien wie Buffy oder Twilight möglich machte. In diesem Fall wäre Jordans Film nur zum Teil als der »unmissverständliche Kommentar auf die ideologisierenden Strukturen des zeitgenössischen Erzählkinos« verstanden worden, als den Abel ihn begreift. Auch wenn man die reflektierende, spielerische Vorgehensweise in Buffy als gelungene Weiterführung des Materials betrachten kann, hat der Weg des Vampirs nun zu den eindimensionalen Romanzen in Stephenie Meyers Jugendbüchern und deren Verfilmung geführt.

Nachdem bei Jordan schon die Jungfrauen nicht keusch und die Mütter nicht besonders fürsorglich sind, analysiert Peter Drexler eine weitere Form weiblicher Unabhängigkeit. Nach einem Überfall greift die Hauptfigur von The Brave One zur Waffe und findet mehr Gründe zur »Notwehr«, als sie für möglich gehalten hätte. Obwohl auch hier wieder das Selbstverständnis einer Person völlig erschüttert wird, wie in so vielen von Jordans Arbeiten, bleibt The Brave One in Drexlers Augen bemerkenswert eindimensional.

Leider konzentrieren sich alle Beiträge stark auf den narrativen Aufbau der Handlung. Nur selten werden die Kameraführung oder einzelne Licht- und Farbeffekte erwähnt, obwohl besonders die Farbdramaturgie ein deutliches Merkmal der meisten Filme Jordans ist. Sie macht sogar das etwas wirre Werk In Dreams sehenswert. Bei dieser 1999 entstandenen Hollywood-Produktion sieht man direkt vor sich, wie bei der Suche nach einem Regisseur wieder die oberflächlichste aller Betrachtungsweisen die entscheidende Rolle spielte: »Es kommen rote Äpfel darin vor und eine Frau die eigentlich ein Mann ist? Fragen wir doch Neil Jordan!« 2010-01-11 16:50

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