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Kinopathos

Christian Schmitt: Kinopathos. Große Gefühle im Gegenwartsfilm. Berlin 2009. Bertz + Fischer, 192 Seiten. 25,- Euro.

Logos statt Pathos

Von Martin Holtz Es scheint ein Widerspruch zu sein, Film einerseits nüchtern als Text zu betrachten, der Botschaften symbolisch verschlüsselt weitergibt, andererseits als sinnliches Erlebnis, das emotional jenseits von rationalem Verständnis wirkt. In der modernen Filmtheorie wird dieser Widerspruch allerdings zusehends aufgelöst, und auch das vorliegende Buch wagt den Brückenschlag von Affekt zu Semiotik. Das Verständnis, auf welche Weise und zu welchem Zweck das Kino »große Gefühle« erzeugt, steht im Mittelpunkt der Untersuchung.

Nun sind große Gefühle und das Kino sicherlich schon seit der Stummfilmzeit untrennbar miteinander verbunden. Doch hat die Postmoderne das Pathos größtenteils durch Ironie und Skepsis ersetzt. Oder doch nicht? Begriffen als »Verstärker« von Botschaften und Wertehorizonten sowie als »Transformator« von visuellen und akustischen Sinneseindrücken in ideologisch gefärbte Bedeutungen, ist das Pathos aktuell wie eh und je. Und nicht nur im Kino. Ausgehend von aristotelischen Rhetoriktheorien zeigt der Autor, daß die pathetische Rede nichts an politischer Relevanz eingebüßt hat, daß große Worte und emotionalisierte Argumentationen z.B. in den Reden von George W. Bush als Überzeugungstechnik eingesetzt wurden, um kollektive Identitäten zu schaffen: das Pathos als Konsensmaschine.

Diese ideologische Komponente ist auch im Kino von Bedeutung. Blockbuster wie Pearl Harbor verbinden ohren- und augenbetäubendes Spektakel mit konservativen Botschaften von Familie, Nation und Gewaltbereitschaft und hieven damit den Konsens auf eine affektiv-sinnliche Ebene. Im Gegensatz dazu setzt Kill Bill auf den progressiven Pathos des Zitats, werden die großen Gesten und Gefühle als Hommage an Kinoklassiker inszeniert, um sie damit als performative Manipulationen auszustellen, ohne sie jedoch abzuschwächen. In Breaking the Waves ist das Pathos als melodramatischer Exzeß des im Close Up ausgestellten leidenden Gesichts der Protagonistin ein Zeichen von Authentizität, in Dancer in the Dark ein Sprung in die imaginäre Utopie des Musicals und in The New World schließlich eine haptisch-sinnliche Art, Geschichte neu zu erleben.

Das Buch ergründet also viele verschiedene Ausdrucksformen von Pathos, schafft Verbindungen, gibt Denkanstöße, wirkt dabei aber hin und wieder auch beliebig in der Art und Weise, wie es ein vereinendes Element über so unterschiedliche Filme stülpt. Nichtsdestotrotz liefert die Betrachtung erhellende Einsichten in die Mechanismen des Kinos, deren Verständnis gerade in Bezug auf das ideologisch-manipulative Moment unzweifelhaft wichtig ist, und besticht durch analytische Distanz, setzt also auf Logos statt auf Pathos. 2009-12-23 03:17

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