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Films That Work

Vinzenz Hediger, Patrick Vonderau (Hg.): Films That Work. Industrial Film and the Productivity of Media. Amsterdam 2009. Amsterdam University Press, 290 Seiten.

Film – Industrie

Von Ines Schneider »Großes Kino« nennt man gerne ein Erlebnis, das sich über den Alltag zu erheben scheint, das die Sinne berührt und das Herz. Diese Berührung traut man vor allem dem Spielfilm zu, der es, als solide Unterhaltung genauso wie als Kunstform, ja auch genau darauf anlegt. Unter dem Titel »Films that Work« haben Vinzenz Hediger und Patrick Vonderau Essays zur Gattung der »Industrial Films« vereint. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Filme, die den Zuschauer nicht mit visuellen Reizen überwältigen, sondern mit denen eine nüchterne Aussage vermittelt werden soll. Doch schon Haupt- und Untertitel laden dazu ein, Kreativität und Vielschichtigkeit in einem Genre zu suchen, das scheinbar nur der Vermittlung von Informationen dient. Auch die Herausgeber und Autoren von wissenschaftlichen Untersuchungen haben offenbar Spaß an der Vielseitigkeit der Sprache. »Films that Work« können genauso gut Werke sein, deren Konzept funktioniert, wie Filme, die gewissenhaft eine Aufgabe verrichten. Auch beim Untertitel bleibt offen, ob es sich bei »Industrial Films« um Filme handelt, die im Auftrag der Industrie hergestellt wurden, oder die serienmäßige Herstellung gefilmten Materials.

Fast jeder der Film- und Medienwissenschaftler, die einen Beitrag zu diesem Buch leisten, versucht eine Definition des Begriffs »Industrial Film«. Doch obwohl treffende Umschreibungen gefunden oder zitiert werden, wie »the creative treatment of actuality« (John Grierson) oder »written non fiction« (George Franju), werden die Betrachtungen besonders ergiebig, sobald der Autor sich auf die Untersuchung eines begrenzten Aspekts des Genres konzentriert. So kommt es zu einer aufschlußreichen Diskussion, die den Stellenwert des »Industrial Film« in der Bild- und Formensprache des Films verdeutlicht und zusätzlich dem Leser seine eigene Prägung und Erwartungshaltung vor Augen führt. Was ebenfalls in jedem Beitrag mitschwingt ist die Erkenntnis, daß die Filmemacher mit genauso viel Leidenschaft und Einfallsreichtum bei der Sache sind, wie ihre Kollegen aus dem Kunst- und Unterhaltungskino.

Zum Einstieg liefern die Verfasser einige grundsätzliche Erkenntnisse zur Entwicklung dieses Genres, dessen Ästhetik und Aufbau vertraute Filmformen wie die Dokumentation entscheidend beeinflußt haben. Thomas Elsaesser gibt einen Eindruck von den Schwierigkeiten, die sich bei der Suche und der Verwahrung der Gebrauchsfilme ergeben, denen, nachdem sie ihre Funktion erfüllt hatten, oft kein großer Wert mehr beigemessen wurde. Patrick Vonderau interviewt Rick Prelinger, der solche Filme aufgestöbert und mit den Jahren die äußerst umfangreiche und leicht zugängliche Prelinger Library aufgebaut hat.

Auch im »Industrial Film« haben sich gewisse Erzählkonventionen herausgebildet, doch Frank Kessler und Eef Masson führen aus, wie drei sehr ähnlich strukturierte Filme drei ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen können. Sie vergleichen drei Filme über die Herstellung von Käse. Am Anfang steht die Kuh, am Ende der Käse, dennoch wird schnell klar, daß ein Beitrag die Effizienz der modernen britischen Nahrungsmittelindustrie vorführt, der nächste das traditionelle holländische Landleben porträtiert und der letzte Schulkindern die Entstehung eines alltäglichen Lebensmittels erklärt.

Daß Regisseure, die für die Industrie arbeiten, ebenso das Bedürfnis haben, ihre Überzeugungen in die Produktion einfließen zu lassen, stellt Gérard Leblanc am Beispiel von Georges Franjus Poussières dar. Franju gerät in einen Konflikt mit seinen Auftraggebern, die bei ihm einen Film über die Sicherheitsbestimmungen in Auftrag geben, die die Angestellten der Firma vor Feinstaub schützen sollen. Diese Schutzmaßnahmen sind eindeutig unzureichend, die Arbeitsumstände schaden der Gesundheit, doch das Unternehmen möchte den Eindruck erwecken, daß Erkrankungen durch die Einhaltung der Bestimmungen vermieden werden. Nach dieser Logik würden Schädigungen also nur dann auftreten, wenn die Angestellten die dargestellten Forderungen nicht einhalten. Franju kann diese Umdeutung der bestehenden Verhältnisse nicht akzeptieren. Mit subtilen Montagen und anspielungsreichen Kommentaren versucht er, die Leistungen der Industrie darzustellen, gleichzeitig aber ihre massiven Nachteile nicht zu verschweigen. Es entsteht eine komplexe Verbindung von sachlichen Illustrationen und von Andeutungen, die über das Offensichtliche hinausweisen. Sein Vorgehen ähnelt dabei so sehr dem eines Redakteurs, der seine Arbeit vor der Zensur eines repressiven Regimes rechtfertigen muß, daß man nicht anders kann, als Poussières, 1954 im demokratischen Frankreich entstanden, auch als politischen Akt zu betrachten.

Die Regisseure von Industriefilmen müssen sensibel für gesellschaftliche Entwicklungen und für das Selbstverständnis ihrer Auftraggeber und Zuschauer sein. Vinzenz Hediger beschreibt in seinem Beitrag die besondere Aufgabe, vor die der ehemalige Wochenschau-Mitarbeiter Rudolf Kipp 1963 gestellt wird. Er dreht einen Werbefilm, der höhere Angestellte dazu ermutigen soll, sich bei den Krupp Werken zu bewerben. Kipp ist mit zwei Problemen konfrontiert, einem inhaltlichen und einem formalen: Erstens muß er in einer Zeit, in der ein Arbeiter durch die immer stärker werdende Rationalisierung der Arbeitsabläufe um seine Stelle fürchten muß, ein positives Bild der jüngsten technischen Entwicklungen zeichnen. Zweitens muß er die eigentlich unsichtbaren Anwendungsgebiete eines mächtigen neuen Werkzeugs in Bilder fassen, dem Computer. Die Kernaussage des Films hat zu lauten: In den modernen Krupp Werken wird die traditionelle Arbeit im Stahlwerk nun durch die des Computerprogrammierers und -anwenders ergänzt (und nicht etwa ersetzt)! Aus heutiger Sicht mag das Ergebnis, Angestellte unserer Zeit, nicht besonders raffiniert sein. Doch der Film dokumentiert eine Erschütterung der Arbeitswelt, deren Ausläufer uns heute fast heftiger treffen als damals. Das Angestelltenverhältnis, wie es in den 1960er Jahren üblich war, sollte sich radikal verändern, eine Veränderung, die heute noch längst nicht abgeschlossen ist, sondern im Gegenteil immer schneller und radikaler fortgeführt wird. Rudolf Kipp bemühte sich schon vor über 45 Jahren um eine Ausdrucksweise für die Verunsicherung der Arbeitnehmer. Gleichzeitig suchte er visuelle Formen für den Zustand, den wir »virtuell« nennen. Diesen Herausforderungen stellen sich Künstler und Dokumentarfilmer noch immer. 2009-12-16 12:06

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