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DDR – Erinnern, Vergessen

Tobias Ebbrecht, Hilde Hoffmann, Jörg Schweinitz (Hg.): DDR – Erinnern, Vergessen. Das visuelle Gedächtnis des Dokumentarfilms. Marburg 2009. Schüren Verlag, 176 Seiten. 29,90 Euro.

Gegenerinnerung

Von Franziska Schuster Wie bei runden Jahrestagen üblich, wird zum 20jährigen Jubiläum das Thema »Mauerfall« in allen Medien bis zur Unerträglichkeit ausgewalzt. Jede Redaktion muß mitmachen, ob sie etwas Relevantes zu sagen hat oder nicht. Wenn alle Nachrichten am gleichen Aufhänger hängen, hört irgendwann niemand mehr hin. Endlose Schleifen der immergleichen Jubelbilder, Mauerkletterer, Trabbischlangen, Sektfontänen und nationalen Symbole, wie eine dünne Farbschicht auf zuviel Sendezeit verstrichen. Wer angesichts dessen Verdruß verspürt, kann wegschalten oder sich auf die Suche nach Erinnerungsbildern jenseits der feiernden Menschenmassen begeben – viel davon wurde übrigens nicht am 9. November, sondern erst bei der mediengerecht inszenierten Feier zur Öffnung des Brandenburger Tors am 22. Dezember 1989 aufgenommen.

Hilde Hoffmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum mit den Schwerpunkten Dokumentarfilm, Fernsehgeschichte und -theorie sowie Medien und Gedächtnis, hat nach genau diesen jenseitigen Bildern geforscht. Damit gehört sie zu den Menschen, die sich mit der oberflächlichen Fernsehversion der »Wende« in ihren seit 1989 stetig verfeinerten Ausformungen nicht zufriedengeben und – mitunter seit zwei Jahrzehnten oder gar länger – eine Gegenerzählung entwerfen. Die Themenverheizung in den Mainstreammedien mag insofern ihr Gutes haben, als in Rückkopplung diesen ernsthaften Erforschern der DDR-Geschichte jetzt die lange versagte Unterstützung von offizieller Seite zugute kam; zu pädagogischem Zweck ausgelobte Fördergelder, prominente Plattformen und amtliche Empfehlungsschreiben an die Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang entstanden kenntnisreich kuratierte Programme wie die von der Kulturstiftung des Bundes und der Deutschen Kinemathek initiierte und von Claus Löser betreute Filmreihe »Winter adé – Filmische Vorboten der Wende«, die nach ihrem Start auf der Berlinale 2009 nun durch Schulen und Kommunale Kinos der Republik tourt, oder die Programmsektion »Transit '89. Danzig-Leipzig-Bukarest« des diesjährigen Leipziger Dokumentarfilmfestivals.

Auch das von Hilde Hoffmann mitherausgegebene Buch »DDR erinnern, vergessen. Das visuelle Gedächtnis des Dokumentarfilms« erscheint vor dem Hintergrund des Medienhypes, von dem es sich in seiner Besonnenheit und Weitsicht angenehm abhebt. Es geht in seiner umfassenden Bearbeitung des Themas über die aktuelle Reflexion des Mauerfalls hinaus und beschäftigt sich in drei Abschnitten mit den audiovisuellen Relikten der DDR, erkundet die Anfänge der DEFA-Dokumentarfilmproduktion unmittelbar nach Staatsgründung, den Arbeitsalltag der Filmemacher sowie den heutigen Umgang mit ihren Hinterlassenschaften, und geht schließlich, gründlich vorbereitet, auf die »Wende«-Filme ein. Filme, deren Schicksal über das Bestehen der DDR hinaus im Moment ihrer Entstehung unklar war, dokumentierten sie doch den Zerfall eines Systems, dem sie in gewisser Weise selbst entstammten. Vor allem in Bezug auf dieses letzte Kapitel war es Mitherausgeberin Hoffmann wichtig, den Beobachtungsschwerpunkt der untersuchten Filme herauszustellen, die sich – statt der eindimensionalen Jubelnarration zu folgen – mit Zweifeln und Ängsten, Hoffnungen und Identitätssuche beschäftigen und insbesondere versuchen, den im Fernsehen wenig thematisierten Forderungen der Demonstranten Gehör zu verschaffen. Die ausgewählten Aufsätze beleuchten, wie sehr die Sichtweisen der Dokumentaristen dabei von denen der TV-Kameraleute abweichen, wie sie sich als aufmerksame Beobachter an den Rand stellen und aus den eingefangenen Ambivalenzen mit einfühlsamer Hand eine Suche nach Orientierung im Chaos einer sich verändernden Welt formulieren.

Beiträge von Klaus Kreimeier, Günther Agde, Kerstin Stutterheim, Ralf Forster, Hilde Hoffmann und anderen bieten einen derart vielschichtigen Überblick über den DDR-Dokumentarfilm in seinen diversen Facetten, ergänzt durch eine umfangreiche Literaturliste, daß das im Marburger Schüren-Verlag erschienene Buch durchaus das Zeug zum Standardwerk hat. Es vereint historische, filmwissenschaftliche, archivarische und gedächtnistheoretische Ansätze, ohne sich dabei thematisch zu verzetteln; im Gegenteil ergänzen die Untersuchungsschwerpunkt einander gut, enthalten Querverweise und folgen, wenn sie auch nicht unmittelbar aufeinander aufbauen, einer gewissen Dramaturgie des editorischen Konzepts. Wer das Buch von Anfang bis Ende liest, lernt viel über Gedächtnisforschung und narrative Strukturen des Dokumentarfilms, über das Filmschaffen der DDR und das Schicksal ihrer Akteure nach dem Fall der Mauer sowie über eine alternative Erzählung der deutsch-deutschen Geschichte. Vor allem aber bietet es den Einstieg in ein filmisches Universum, das in seiner Sperrigkeit wohl nie zum Hauptinteresse der Wissenschaft aufsteigen wird, in dem es aber umso mehr zu entdecken gibt: »das unbrauchbare, obsolet und fremd gewordene identitätsabstrakte Sachwissen«, schreibt Hilde Hoffmann, »aber auch das Repertoire verpasster Möglichkeiten und alternativer Optionen […]. In diesem Sinne dienen die Dokumentarfilme der Gegenerinnerung und können so möglicherweise für zukünftige Aufbrüche von Interesse sein.« 2009-12-09 11:36

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