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Widerspenstige Körper

Sarah Dellmann: Widerspenstige Körper. Körper, Kino, Sprache und Subversion in Todd Brownings Freaks und Filmen mit Lon Chaney. Marburg 2009. Schüren Verlag, 119 Seiten. 16,90 Euro.

Ansteckende Widerspenstigkeit

Von Esther Buss Die Öffentlichkeit reagiert auf »außergewöhnliche Körper« meist mit Scham, Verklemmtheit und Unbehagen. Oder auch mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen wie es bei Michael Jackson der Fall war. Dessen zahlreichen Abweichungen von einem normativen Körperbild – und von Vorstellungen eines authentischen Selbst – waren nur allzu oft Gegenstand von Pathologisierungen. So gab es nach seinem Tod kaum einen Nachruf, der ohne den Begriff »Freak« auskam. Zwar sind Todd Brownings »Freaks« nicht mit Michael Jacksons bizarren körperlichen Transformationen gleichzusetzen, beiden gemeinsam ist jedoch der Entwurf eines alternativen Körperbilds, jenseits von normativen Kategorien des Schönen, Gesunden und Begehrenswerten. Im übrigen teilte Jackson mit Browning auch ein Faible für Jahrmarkt, Zirkus und Spektakel…

Nun geht es in Sarah Dellmanns Studie nicht um zeitgenössische Konzepte abweichender Körperlichkeiten, sondern um eine kleine Einführung in das schillernde Werk Todd Brownings, dessen Filme eine Vielheit »ungewöhnlicher Körper« vorstellen. Browning arbeitete in den 1920er und 1930er Jahren erfolgreich als Hollywood-Regisseur, bevor er in Vergessenheit geriet; heute sind seine Filme nur noch einer kleinen Öffentlichkeit bekannt. Dellmann versteht ihren schmalen Band deshalb auch als einen Beitrag, das Werk des Regisseurs im deutschsprachigen Raum publik zu machen. Die Autorin geht dabei ausführlich auf Freaks (1930) ein, Brownings bekanntester Film, der mit einer beispiellosen und verwirrenden »Normalität« Menschen mit außergewöhnlichen Körpern zu Protagonisten machte, darunter Kleinwüchsige, ein siamesisches Zwillingspaar, eine Frau ohne Arme, ein Hermaphrodit. »Widerspenstige Körper« bietet hier einen guten Überblick über verschiedene Lektüren zum Film und zeichnet die Rezeptionsgeschichte des Films nach, der in den vergangenen Jahrzehnten eine wechselvolle Phase zwischen Anerkennung und Verwerfung bzw. Wiederentdeckung und Vergessenwerden durchlebt hat.

Dellmann zeigt auf, wie sich Brownings Körperkonzept aus der Tradition des Jahrmarkts und der Sideshows entwickelt hat, in der die »Freak Show« bald zum festen Repertoire gehörte. Mit Ausnahme von »Freaks« lebte die Freak Show im Kino jedoch nur auf verschobene Art und Weise fort, nämlich als Verkleidung, Spiel und Trick. Ein Teil des Buchs beschäftigt sich deshalb auch mit dem Schauspieler und »Körperkünstler« Lon Chaney, der unter dem Namen »Man of a Thousand Faces« seinerzeit große Popularität feierte. Browning drehte zehn Filme mit Chaney, in denen der Schauspieler mittels Pantomime, Make-Up und virtuosen körperlichen Verwandlungen »deformierte« Körper buchstäblich »verkörperte«. Ebenso wie die »Freaks« aus dem gleichnamigen Film lieferte Chaney damit einen Gegenentwurf zu normativen Köperkonzepten. Dellmann spricht in diesem Zusammenhang von »widerspenstigen« Körpern, was ein schöner Begriff ist, da er von Renitenz und Unkontrollierbarkeit erzählt und weniger strategisch konnotiert ist als das inzwischen doch recht jargonhaft verwendete Schlagwort der Subversion. Überhaupt ist die Autorin bemüht, sich von einem eingefahrenen akademischen Diskurs abzugrenzen. So fließen in die wissenschaftliche Analyse immer wieder mal subjektive und leidenschaftliche Bemerkungen ein, was sympathisch ist, in einigen Fällen aber auch etwas prätentiös oder gar komisch gerät. Gegen Ende des Buchs schlägt Dellmann sogar einen recht pamphlethaften Tonfall an, wenn sie Todd Browning zum Gewährsmann einer eher allgemein gehaltenen Herrschaftskritik macht und dabei die Filmwissenschaften über ihre Aufgaben und Pflichten aufklärt. Ganz offensichtlich stiften die Filme Todd Brownings zu Widerspenstigkeit an, und das ist ja erst mal gut so. 2009-11-25 12:22

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