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montage AV: [Warum Bazin]

montage AV – Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Medien: Warum Bazin. Marburg 2009. Schüren.

Zurück zu den Wurzeln

Von Nicole Ribbecke Lediglich aus dem Umstand heraus, daß André Bazin im deutschsprachigen Raum als nahezu vergessen bis weitgehend unbekannt gilt, läßt sich die Frage »Warum Bazin?« plausibel rechtfertigen – zählt jener Schlüsseltheoretiker des Realismus doch zu den bekanntesten Vertretern der Filmtheorie überhaupt. Vollkommen zurecht widmet ihm somit die Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Medien eine Ausgabe und geht dabei noch einen Schritt weiter als rein retrospektiv die von ihm propagierte Ästhetik ins Gedächtnis zurückzurufen. Die versammelten Schriften bemühen sich anhand mannigfacher Ansätze um eine Korrektur des einseitigen Bildes Bazins als Realist. Neben Gedanken zu Bazins anhaltender Sprengkraft, Zuschauerkonzeption, Spiritualität, Poetik, seiner Auseinandersetzung mit dem italienischen Neo-Realismus und dem Wirklichkeitseffekt steuert Bazin-Biograph Dudley Andrews einen Beitrag über Bazins Position zur Literaturadaption bei.

Plädierte André Bazin in seiner Auffassung vom Film als einer wesentlich realistischen Kunst für ein »unreines Kino«, so war dies nur eine Facette seiner filmtheoretischen Gedanken und deren fundamentale Bedeutung für die Filmwissenschaft als Disziplin. In seiner Verschränkung analytischer, theoretischer und historischer Elemente, durch die er den Film in die Geschichte der Kunst einzubetten versuchte, ebnete er den Weg für die akademische Etablierung der Filmwissenschaft. Er schuf gleichermaßen eine Theorie des Kinos sowie eine Filmtheorie, die für einen elitären Leserkreis bestimmt waren. Und auch wenn er später die Idee des Autorenkinos kritisierte, waren es doch seine Schüler Truffaut und Godard, die das französische Konzept des »Auteur« universalisierten und zum Klassifikations- und Beurteilungsschema sämtlicher Filmtraditionen erhoben.

Wenn letztendlich in dieser Ausgabe von montage AV zwei Bazinsche Texte erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen, so kann man sich schließlich sein eigenes Bild davon machen, wieviel Überzeugungskraft, fünfzig Jahre nach seinem Tod, die Schriften des Wegbereiters der modernen Filmkultur heute noch besitzen. 2009-11-18 11:47
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