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Dominik Graf – Schläft ein Lied in allen Dingen

Michael Althen (Hg.): Dominik Graf – Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film. Berlin 2009. Alexander Verlag. 376 Seiten. 24,90 Euro.

Worte eines eloquenten Filmemachers

Von Sascha Seiler Die Frage, ob man tatsächlich ein Buch eines Regisseurs über Filme der Kollegen braucht, muß anfangs schon einmal gestellt werden. Sollte sich ein Künstler nicht auf die Erfüllung in seiner eigenen Kunst konzentrieren und seine ästhetischen Prinzipien nicht auf andere übertragen? In der Welt der Literatur jedenfalls sind Bücher von Autoren über Autoren, zumal wenn sie zeitgenössisch sind, eine schwierige Angelegenheit – ist das im Medium Film, wo der Regisseur vielleicht auch nur geringe schreiberische Fähigkeiten besitzt, nicht erst recht der Fall? Im Fall Dominik Grafs sind all diese Fragen gezielt mit einem »Nein« zu beantworten und alle Bedenken vom Tisch zu wischen. Wer seinen filmischen Essay München – Geheimnisse einer Stadt kennt, der weiß, wie literaturaffin Graf ist, wie groß und poetisch seine sprachliche und bildliche Ausdrucksfähigkeiten sind. Michael Althen, mit dem er auch jenen München-Film drehte, gibt nun von Graf verfaßte Schriften zum Film heraus; keine Kritiken, sondern kurze Essays, schön aufgegliedert nach nationalen Kategorien. Der Autor schreibt über das Kino Deutschlands, Amerikas, Italiens oder Frankreichs in der ihm eigenen, träumerischen Sprache, immer auch, vor allem in Bezug auf den deutschen Film, kritisch und manchmal augenzwinkernd, doch im Kern zugleich poetisch und reflektiert. So betrauert er im Essay über Fassbinders Lili Marleen etwa die Folgen der Deutschen Einheit für die hiesige Filmindustrie, die Konzentration auf Berlin und die schwindende Bedeutung seiner Heimat München, jener in seinen Augen ehemaligen deutschen Filmhauptstadt. Er denkt an Orte zurück, an denen einst Fassbinder drehte und nun die neuesten Folgen von Marienhof heruntergerissen werden. Er verneigt sich vor den großen italienischen, französischen und amerikanischen Meistern und stellt immer wieder einen nostalgiegetränkten Bezug zum Kino seines Heimatlandes her. Der Leser indes bekommt einen Einblick in die Filmgeschichte, und zwar glücklicherweise von einem Künstler, dem es gelingt, seine elegische Bildsprache in Worte umzuwandeln. 2009-11-11 11:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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