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Soziale Figurationen und Selbstentwürfe

Miriam Grossmann: Soziale Figurationen und Selbstentwürfe – Schauspieler und Figureninszenierung in Eric Rohmers Pauline am Strand, Vollmondnächte und Das grüne Leuchten. Stuttgart 2009. ibidem-Verlag. 140 Seiten. 24,90 Euro.

Der Akteur, das unbekannte Wesen

Von Thomas Warnecke Wen sehen wir, wenn wir einen Darsteller in einem Spielfilm sehen? Miriam Grossmann hat sich auf die immergrüne, weil selten beackerte Suche nach dem rätselhaften Wesen Schauspieler gemacht – halt, schon falsch. Sie macht nämlich genau das, was idealerweise im Kino passiert: Sie sieht zusammen, den Schauspieler und die Figur. Dabei geht es nicht um Stars bzw. die Frage, wie ein außerfilmisches Image in den Film hineinspielt. Mit der Analyse der Filme drei bis fünf des sechsteiligen Zyklus’ »Comédies et proverbes« von Eric Rohmer nimmt die Autorin tief in der Nouvelle Vague verwurzelte Formen der Schauspielerinszenierung in den Blick, genuin filmisch, aber hinsichtlich Kadrierung oder Künstlichkeit mit theatralen Mitteln spielend. Hinzu kommt, daß Rohmers Darsteller in der Regel nicht zu den (hierzulande) bekanntesten gehören, was die letztlich hermeneutischen Ausführungen zum Selbstbild der Schauspieler zu den lesenswertesten des Buches macht – interessanterweise sind es auch die am besten lesbaren.

Das nämlich muß gesagt werden: daß dieses Buch vom in medienwissenschaftlichen Publikationen grassierenden, hassenswerten Theoriesprech (der aber auch gar nichts mit einer Fachsprache zu tun hat) durchaus nicht frei ist, indem nämlich zum Beispiel schwer die Substantive lasten und manchmal so massiert aufeinandertreffen, daß das Verb entweder a) unauffindbar, b) längst vergessen oder c) schlicht falsch ist (Arbeit! Arbeit! Arbeit!: Stellt Lektoren ein!).

Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen: Etwa, weil ganz und gar nicht nur nebenbei eine Menge über die Filme Eric Rohmers zu erfahren ist wie überhaupt über die Nouvelle Vague – hier wird herausgearbeitet, daß die Art und Weise der Schauspielerinszenierung einen, wenn nicht den besonderen Kern des Kinos der Nouvelle Vague ausmacht (und der Filme, die den Cinéasten dieser Bewegung gefielen). Außerdem sind die Analysen der drei Filme gründlich und enthalten viele gut gemachte und gut beschriebene Beobachtungen. Auf jeden Fall ist das Buch ein gelungener Ausgangspunkt, sich mit dem wahrscheinlich doch spannendsten »Gegenstand« (»Vieh!«, Alfred Hitchcock) des Films zu beschäftigen. Über Rohmer et al. gibt es immer noch zu wenige Bücher, über Tchéky Karyo, Fabrice Luchini, Pascale Ogier (ihr Vorname wird mit einem »e« am Ende geschrieben! Lektoren!) und ihre Kollegen gibt es praktisch nichts Gescheites. 2009-10-21 15:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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