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Wahlverwandte

Elisabeth K. Paefgen: Wahlverwandte – Filmische und literarische Erzählungen im Dialog. Berlin 2009. Bertz + Fischer. 168 Seiten. 19,90 Euro.

Zwischen den Künsten

Von Kyra Scheurer Goethes »Wahlverwandtschaften« werden in diesem Jahr 200 Jahre alt und sind als kreativer Einfluß immer noch zeitlos, so oft wie sie in der einen oder anderen Form ihren Weg auf die Leinwand finden und mal versteckt, mal titelgebend in der filmischen Erzählkunst des 20. und 21. Jahrhunderts weiterwirken. Allein das deutsche Filmschaffen der letzten Jahre bietet hier genug Beispiele: Aktuell Sebastian Schippers Mitte Ende August, aber auch die Romanadaptionen Der Liebeswunsch und Ein fliehendes Pferd sind sowohl literarisch wie filmisch aktualisierte Varianten von Ottilie und Co. im Liebesclinch. Für die jetzt erschienene Aufsatzsammlung »Wahlverwandte« der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Paefgen stehen allerdings eben nicht die konkreten filmischen Adaptionen literarischer Vorlagen im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses, sondern gerade die verwandtschaftliche Beziehung der literarischen und filmischen Erzählkunst an sich. In ihren Ausführungen finden sich viele ungewöhnliche Bezüge zwischen Filmen und Büchern – so wird etwa Hitchcocks (auf einer anderen literarischen Vorlage fußender) Rear Window mit Ilse Aichingers »Das Fenster-Theater« verglichen und David Lynch mit E.T.A. Hoffmann zusammengebracht. Interessante Denkansätze erweitern so den Deutungsraum, zumal neben der bekanntermaßen oftmals bereits von filmischer Sozialisation beeinflußten zeitgenössischen Literatur auch die »vor-filmische« kontextuelle Einbindung erfährt, bis hin zu Verbindungen von Altmans Gosford Park zu Sophokles’ Tragödie »König Ödipus«. Allerdings wirkt Paefgens Buch nicht wie aus einem Guß. Bereits in unterschiedlichen Zusammenhängen veröffentlichte Aufsätze wurden neu bearbeitet und bieten ein nicht immer stimmiges Gesamtbild unterschiedlicher Ausrichtungen, die mal thematische, mal strukturelle, mal narratologische Fragen in den Mittelpunkt stellen – die aber allesamt im Sprachduktus wenig feuilletonistisch sind und die den akademischen Überlegungen zugrundeliegende literarische Werke als bekannt und Hintergrundwissen als vorhanden voraussetzen. Dies erschwert in einigen Fällen, etwa den einleitenden Beiträgen zu Uwe Johnsons Verhältnis zum Kino und seinem »Jakob«-Roman, das Verständnis, darum sei Einsteigern in die Materie »Literatur und Film« eher Joachim Paech empfohlen. Zur Vertiefung bereits vorhandener Kenntnisse bieten die »Wahlverwandten« allerdings echte Fundstücke an Querbezügen und Einzelinterpretationen – allen Beiträgen voran das Herzstück der Sammlung, der über 40 Seiten lange Essay über »Goethes bestes Buch« im Verhältnis zu Truffauts Jules et Jim, Allens Manhattan und Rohmers L’Ami de mon amie.
2009-11-04 11:26

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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