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Reconstructing Eve

Tanja Lindauer: Reconstructing Eve. Automatenmenschen in Literatur und Film. Marburg 2008. Tectum Verlag. 120 Seiten. 19,90 Euro.

Von Androiden und Menschen

Von Sarah Sander Androide sind Automaten, die – als Menschimitationen – immer auch die Frage nach dem spezifisch Menschlichen stellen. Aufgespannt zwischen philosophischen Überlegungen, technischen Entwicklungen und Zukunftsvisionen stehen bei Automatenmenschen in Literatur und Film somit nicht nur mentalitätsgeschichtliche Konventionen, sondern auch das wandelbare Verhältnis von Mensch und Maschine zur Disposition. Androide sind zur Entlastung des Menschen konzipiert. Wenn der Replikant jedoch nicht mehr vom Original zu unterscheiden ist, schlägt die Technikutopie in apokalyptische Visionen um. Je perfekter die Imitation, desto bedrohlicher der Automat: das scheint das Paradox der hybriden Menschmaschinephantasien zu sein.

In »Reconstructing Eve« geht Tanja Lindauer den Automatenmenschen von der Antike bis in gegenwärtige Zukunftsvisionen nach. In einer Serie aus Bezügen, die sich von philosophischen und technikgeschichtlichen Referenzen bis zu literatur- und filmwissenschaftlichen Vorarbeiten erstreckt, verfolgt sie das Motiv der Menschmaschinen von den antiken Mythen um die Statuen-Belebungen von Pygmalion und Prometheus über die technischen Entwicklungen der ersten Androiden (von Hephaistos’ Dreifüßen über das Automatentheater von Heron zu dem Automatenkonstrukteur Jacques de Vacanson im 18. Jahrhundert) und den philosophischen Diskursen Descartes’, Leibnitz’ und La Mettries bis in seine spezifischen literarischen und filmischen Ausformungen.

Standen bis ins 18. Jahrhundert vor allem Schöpfungsgeschichten im Zentrum der Replikanten-Mythen, so kamen mit der Romantik Doppelgänger in Mode, die kaum mehr vom Menschen zu unterscheiden waren. Auf Basis ausgefeilter Mechaniken wie der Uhrmacherkunst waren im 18. Jahrhundert Automatenmenschen entwickelt worden, die menschliche Bewegungsabläufe so perfekt imitierten, daß sie Instrumente spielen, zeichnen und sogar Texte schreiben konnten. Dies provozierte nicht nur philosophische Reflektionen über die Frage nach den spezifischen Differenzen von Mensch und Maschine, sondern auch eine Vielzahl von Automatenmenschen in der romantischen Literatur. Auf deren »künstlicher Natürlichkeit«, so eine Hauptthese des Buches, basiert wohl die Präferenz für weibliche Androide: Die Kunst zu täuschen wurde auch Frauen zugeschrieben. Eben solchen Überlagerungen von Zuschreibungen an Frauen und Androide geht Tanja Lindauer in den vier exemplarischen Analysen von L’Eve future (1886) über Metropolis (1927) und La invasión de Morel (1946) bis zu Blade Runner – Director’s Cut (1992) immer wieder nach.

Enttäuschend an der Lektüre ist, daß »Reconstructing Eve« bei aller Exegese des Themas zu kaum eigenen Thesen kommt und auch die referierten Texte nur oberflächlich abgehandelt werden. So sehr sie sich auch der Frage widmet: Tanja Lindauer gelingt es nicht, die Automatenmenschen noch einmal zu »beseelen« oder die Frage nach dem je historisch/technisch-spezifischen Verhältnis von Mensch und Replikant neu zu stellen. »Reconstructing Eve« ist somit wie ein etwas ärgerlicher Trailer, der trotzdem Lust auf mehr macht. 2009-10-05 10:13

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