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Handbuch der Filmdramaturgie

Kerstin Stutterheim, Silke Kaiser: Handbuch der Filmdramaturgie – Das Bauchgefühl und seine Ursachen. Frankfurt am Main/Berlin 2009. Verlag Peter Lang. 327 Seiten. 29,80 Euro.

Die Quadratur des Kreises

Von Rüdiger Hillmer Filmdramaturgie, so könnte man versuchen zu definieren, befaßt sich mit der Organisation des zu erzählenden Materials zu einer Abfolge, die das Interesse des Publikums weckt und aufrecht erhält. Sie wäre also die Ursache für das Bauchgefühl derjenigen, an die sich die Erzählung richtet. Ein Buch, das sich im Untertitel vornimmt, diesem Zusammenhang nachzugehen und im Titel verspricht, ein Handbuch zu sein, versucht die Quadratur des Kreises. Kerstin Stutterheim, Professorin für Drehbuch und Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam, und ihre Koautorin Silke Kaiser lösen die Aufgabe, indem sie diese umgehen. Das Verdienst des Buches liegt vor allem in der historischen Herleitung mehr oder weniger gängiger Strukturmodelle der Filmdramaturgie in der europäischen Theatertradition. Zugleich weitet es den Blick aus: von den Spielarten der geschlossenen Form über episches und episodisches Erzählen bis hin zu den Stilelementen postmodernen filmischen Erzählens.

Dadurch ist dieser strukturorientierte Überblick eine erkenntnisbereichernde Lektüre für alle, die sich mit der »Materialorganisation« beim filmischen Erzählen befassen. Er macht deutlich, wie die Ausdifferenzierung der Erzählformen in Moderne und Postmoderne zu einer kaum noch faßbaren Unübersichtlichkeit führt. Spätestens in der Beschreibung postmoderner Verfahren steht diese dann in der Gefahr, sowohl methodisch als auch sprachlich unverständlich zu werden. Dennoch unterstreicht die behandelte Vielfalt möglicher Formen und Strukturen, daß Dramaturgie nichts mit dem Prinzip zu tun hat, immer mehr vom immer Gleichen zu organisieren. Vielmehr beruht sie auf der Prämisse, daß »ein beliebiges Kompositionsprinzip niemals die Möglichkeit hätte, das Interesse des Zuschauers zu erwecken«. Die Aufgabe besteht demnach darin, für das zu Erzählende die angemessene Form zu finden – und für das Bauchgefühl derjenigen, an die sich das Erzählte richtet.

Zugleich sind die Autorinnen mit einem wohl nicht aufzulösenden Grundproblem moderner Dramaturgie konfrontiert: Sie verfügt über kein allgemeingültiges Fachvokabular. Gerade deshalb sind Bücher wie dieses für Autoren, Dramaturgen und Editoren wichtig. Denn sie regen zum Nachdenken darüber an, was sie bei dieser Arbeit eigentlich tun und wie sie worüber reden. 2009-10-14 11:31

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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