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Erzählen im Film

Susanne Kaul, Jean-Pierre Palmier, Timo Skrandies (Hg.): Erzählen im Film. Unzuverlässigkeit – Audiovisualität – Musik. Bielefeld 2009. transcript. 276 Seiten. 27,80 Euro.

Die Schublade ist zu

Von Susan Noll Der Mensch tendiert dazu, Dinge einzuordnen und Kategorien zu erstellen. Damit kann man in Zeiten der allgemeinen – politischen und kulturellen – Orientierungslosigkeit die Übersicht behalten. In der modernen Medienwissenschaft tut sich allerdings ein Problem auf. Das Problem heißt Intermedialität. Es kreuzen sich die Formate, die Genres, die disparat geglaubten Künste. Es ergeben sich frische Strukturen und neue Wege, Geschichten zu erzählen. Film gilt seit jeher als Vorreiter eines intermedialen Prinzips, denn das Kino vereint textliche Elemente mit Bildkunst und Musik und generiert darüber hinaus seine ganz eigene Sprache. Trotzdem wird immer wieder der Versuch gemacht, das filmische Erzählen einzuteilen. Schubladendenken mag noch so angebracht sein, wenn es darum geht, eine Kunst und ihre spezifischen Mittel zu definieren. Es scheitert aber doch gern an der Erkenntnis, daß sich manche Künste nicht so einfach in Kategorien aufteilen lassen. Umso wichtiger ist wiederum die Erforschung der Einteilungen.

Der Sammelband „Erzählen im Film“, entstanden aus Vorträgen der Tagung „Filmnarratologie“ 2008 in Bielefeld, beschäftigt sich nun also mit diesen Möglichkeiten der Narration, die dem Film zur Verfügung stehen. Drei Oberbegriffe bilden Kapiteleinheiten und hier die Schubladen: Unzuverlässigkeit, Audiovisualität und Musik. Zunächst sinnvoll erscheinend, da ordnend, wird bei der Lektüre doch schnell klar, warum das immer so schwierig ist mit den Kategorien: Nicht alles läßt sich auf konventionellem Wege in Schubladen stecken und schon gar nicht filmisches Erzählen. Die Aufsätze des Bandes sprengen schnell den ihnen vorgegeben Rahmen und unterwandern damit ihre eigene Grundlage. Was umso spannender ist, weil das Prinzip funktioniert: Abgrenzungen (und Überschneidungen) zwischen filmischen Erzählmitteln festzustellen macht sich das Buch (unfreiwillig) zur Hauptaufgabe.

Genauso vielfältig wie die Möglichkeiten, in Filmen Geschichten zu erzählen, sind auch die Ansätze dieses Bandes. Sie gehen von konkreten Beispielen aus oder versuchen, sich dem Gegenstand auf einer allgemeinen Ebene zu nähern. So wird in Michael Scheffels einleitendem Aufsatz die Beziehung zwischen literarischem und filmischem Erzählen an Stifters „Traumnovelle“ und Kubricks Eyes Wide Shut exemplifiziert. Kein ganz neues Beispiel, aber ein anschauliches zum Einstieg in die Lektüre. Wieder ein Versuch der Abgrenzung, der aber letztendlich die Überschneidungen offenbart. Daneben Greenaway und Jazz, Alain Resnais und Videoclips, viel Philosophie und Literaturwissenschaft. Die Überschreitungen der medialen Grenzen lassen sich auch von der Kapiteleinteilung nicht aufhalten. Genau das macht das Buch sympathisch. Es ist ein Fundus an interessanten Einzelbetrachtungen zu einem sehr ergiebigen Thema. Das Korsett, das es mit der Schubladenbildung angelegt hat, wäre gar nicht nötig gewesen. Denn die Inhalte befreien sich von selbst, erringen quasi einen Sieg über die Form. Ein Mangel besteht da trotzdem noch: Es bleibt der tief wissenschaftliche, abstrakte Ton, mit dem dann doch versucht wird, das filmische Erzählen ganz handfest zu ergründen und die typischen aufsatzartigen Floskeln in die Texte einzuarbeiten. Das macht die Lektüre an einigen Stellen trocken. Umso erfrischender ist der Einsatz sehr moderner Film-, Clip- oder Serienbeispiele. Und die Titel der Aufsätze bilden, wie so oft in wissenschaftlicher Literatur, ein Paradoxon zur handfesten Wissenschaftlichkeit ihres Inhalts. Sie sind abstrakt und metaphorisch, künstlerisch fast, hier toben sich Autoren gerne aus, wenn ihnen im Text die wortbildnerische Freiheit verwehrt wird. 2009-09-28 10:16

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