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Konventionen eines Sternmoments

Philipp Brunner: Konventionen eines Sternmoments. Die Liebeserklärung im Spielfilm. Marburg 2009. Schüren Verlag. 285 Seiten. 24,90 Euro.

Was ich dir schon lang ha welle säge

Von Daniel Bickermann Zuerst einmal die Warnung, die den einzigen großen Nachteil dieses Buches betrifft: Wer jemals wieder eine Liebeserklärung machen möchte, ohne sich dabei ständig selbst zu beobachten oder sich inszeniert zu fühlen, der sollte Philipp Brunners Dissertation an der Uni Zürich besser nicht allzu genau lesen. Er wird das nächste Mal, daß er sich angesichts einer Geliebten zu den wichtigen Worten hingerissen fühlt, sich sein Gesicht in Großaufnahme vorstellen, wird den Raum und die soziologischen Gegebenheiten der Situation in seinem Kopf durchspielen, wird penibel genau auf Syntax und Sprache achten und wird nachher die Dramaturgie des Ablaufs analysieren. Und wenn er alle Beispiele studiert hat, wird der hier ebenfalls angesprochene »Zwang zur Originalität« plötzlich sehr spürbar.

Allen anderen sei dieses hochgradig kluge Stück Filmanalyse durchaus empfohlen, auch wenn es vielleicht nicht immer so unterhaltsam ist, wie der Titel vermuten läßt: Man sollte meinen, es wäre angenehm, eine Aufreihung romantischer Momente an sich vorüberziehen zu lassen wie einst die aufgereihten Kußszenen in Cinema Paradiso, aber auch die Analyse von Liebeserklärung ist harte Arbeit. Und zwar körperlich, geistig und dramaturgisch. Selten erlebt man wirklich treffende Eröffnungszitate an Buchanfängen, erst recht in der Sachbuchliteratur. Philipp Brunner hat eins gefunden: »Das ist etwas, ich treffe es nicht mit Worten« von Uwe Johnson beschreibt exakt die ständige Unzulänglichkeit der Sprache und die komplexe Dramaturgie der Liebeserklärung. Brunner scheut weder die emotionale noch die wissenschaftliche Tiefe, weiß sich mit seinem Sujet aber auch auf der sicheren Seite, da mit großer Sicherheit doch immer wieder auflockernde Momente kommen – wie der liebenswert tollpatschige Liebesmonolog des hilflosen Max in Piff, Paff, Puff, dessen Liebeserklärung ständig von einem Papagei unterbrochen und am Ende gar korrigiert wird.

Aber Brunner tut auch das Seinige, um die wissenschaftliche Lektüre nicht allzu trocken werden zu lassen. Man schmunzelt über die Selbstbeschreibung des Autors, der als »deutschweizerischer, protestantischer, schwuler Filmwissenschaftler« die in allen Belangen denkbar »ungünstigsten Voraussetzungen« für die Analyse von Filmliebeserklärungen mitbringen würde – es ist eine charmante Lüge. In Wirklichkeit macht Brunner eigentlich alles richtig: Räumt gleich am Anfang ein paar Klischees beiseite (wie die Vorstellung, daß nur Männer in Filmen die drei berühmten Worte sagen), er beschränkt sich zwar auf das westliche Kino, findet aber schon hier genug Beispiele, die über ein »Ja/nein/weißnicht« hinausgehen: die ausweichende Diskussion, das Mißverständnis oder das Beleidigtsein. Vor allem aber kennt er sich in mehreren Disziplinen aus, mit denen er seinen Gegenstand beleuchten kann, und damit fährt man im filmanalytischen Sachbuch nie verkehrt: Er spiegelt beispielsweise den zeitgeschichtlichen Liebesdiskurs mit seinen sich ständig verschiebenden Stereotypen und Konventionen (»zugleich endlos Immerneues und irritierend Immergleiches«) mit penibler Semantik und Soziallinguistik; er untersucht Schauplätze nach Intimsphäre oder Öffentlichkeit; er analysiert ganze Szenen filmdramaturgisch und psychologisch; und auch technisch kann er denken, wenn er die Einstellungspräferenzen auf die Gesichter im Zuge von Liebeserklärungsszenen bespricht. Doch, da hat sich jemand richtig Mühe gegeben, eine interdisziplinäre Grundlagenstudie zu erstellen.

Auch wenn der letzte Themenpunkt »Schwullesbisches« etwas künstlich abgetrennt wirkt zu den Kategorien Sprache, Szene, Dramaturgie etc. zuvor und manche Exkurse, wie der in das bürgerliche Kulturverhalten, etwas weit hergeholt wirken, ist das ein grundsolides Analysebuch für alle, die nach der nächsten romantischen Komödie endlich etwas Kluges zu besprechen haben wollen. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, an ihrer eigenen Liebeserklärungsversion zu feilen. 2009-09-21 11:48

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