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Ang Lee und seine Filme

Michael Pekler, Andreas Ungerböck: Ang Lee und seine Filme. Marburg 2009. Schüren Verlag. 192 Seiten. 24,90 Euro.

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Von Ines Schneider Da so viele Menschen an der Fertigstellung eines Films beteiligt sind und alle ihr Kreativität, ihre Arbeitskraft oder ihr Geld in die Produktion mit einfließen lassen, fällt es schwer zu glauben, daß allein der Regisseur für das Endprodukt und seine Wirkung verantwortlich ist. Auch wenn einige Jahrzehnte lang der Begriff des »Auteurs« die europäische Filmtheorie prägte, ist nicht ganz einzusehen, warum nur ein einziges Mitglied eines ganzen Teams die Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll. Kann man sich einen erfolgreichen Regisseur nicht vor allem als einen guten Organisator vorstellen, der Finanzierung, Planung und Umsetzung miteinander verbindet? Vor allem bei kostspieligen, aufwendigen Großprojekten wird die Vorstellungskraft eines einzelnen Menschen kaum ausreichen, um alle ästhetischen, dramaturgischen und technischen Erzählmittel voll auszunutzen, und kein Unternehmen wird sein Vertrauen in das Geschick von nur einer Person setzen, wenn die entstandenen Kosten und möglichst auch ein ordentlicher Gewinn eingespielt werden müssen.

Unter der Regie von Ang Lee sind jedoch einige bemerkenswerte Filme entstanden. Wenn die Autoren Michael Pekler und Andreas Ungerböck also ein Buch vorlegen, in dem sie nach wiederkehrenden Elementen in seinem Gesamtwerk suchen, möchte man sich gerne überzeugen lassen, daß diese Filme durch mehr geprägt wurden als durch diplomatisches Geschick in einer trendorientierten Branche. Und es gelingt Pekler und Ungerbök in der Tat plausibel darzustellen, daß Ang Lee, bewußt oder unbewußt, einem bestimmten Konzept folgt, daß er mehr im Sinn hat, als nur solides Handwerk abzuliefern. Daß Ang Lees Filme ein großes Publikum anziehen, kann auch beweisen, daß sie in vielen Menschen eine Saite zum Klingen bringen, obwohl sie oberflächlich betrachtet ein ganz bestimmtes Genre bedienen, also scheinbar auf eine klar umrissene Zielgruppe spekulieren: Freunde der Martial Arts beispielsweise im Fall von Crouching Tiger, Hidden Dragon oder Fans der Marvel Comics bei Hulk.

Tatsächlich weisen die im Buch als »Melodramen« bezeichneten Filme einige wiederkehrende Motive auf, die variiert und in neue Zusammenhänge gestellt werden. Pekler und Ungerböck suchen und finden in den Geschichten, die sich so stark von einander unterscheiden, die Parallelen, manchmal etwas skurril formuliert, aber immer fesselnd geschrieben. Fast als ahmten sie verschiedene Kameraeinstellungen nach (Halbtotale, Nahe und Panorama) betrachten sie nacheinander das Umfeld der Protagonisten, den individuellen Charakter der Figur, die sich mit diesen Gegebenheiten auseinandersetzen muß und die größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge und ihre Verschiebungen. Alle Erzählungen scheinen von Menschen zu handeln, die sich eingesperrt fühlen, gefangen in gesellschaftlichen Konventionen, individuellen Erwartungen oder politischen Systemen. Besonders nachvollziehbar erläutern die Autoren die vielen Formen der Ausbruchsversuche und wohin sie führen. Räume sind keine bloßen Schauplätze, Landschaften verheißen keine Freiheit. Die Menschen gehen nicht dahin, wo sie sich wohlfühlen, sondern an die einzigen Orte, die ihnen bleiben. Schneebedeckte Berge, lebensfeindliche Wüsten und schäbige Hotelzimmer bieten ihnen vorübergehend Zuflucht, aber nie Erlösung. Damit sie freier atmen können, müssen erst andere Zeiten anbrechen.

Innerhalb der Genreproduktionen Themen zu berühren, die man in den stereotypen Massenspektakeln eben genau vermißt, ist nach Pekler und Ungerböck die große Stärke von Ang Lees Filmen, die »produktive Brechung« der Muster. In den Gesichtern der Stars und durch die perfekte Ausstattung von Sense and Sensibility hindurch, wird immer noch deutlich, welch alles entscheidender und unwiderruflicher Schritt für eine mittellose Frau im viktorianischen England die Heirat bedeutet. Auch in der gnadenlosen Künstlichkeit von Crouching Tiger, Hidden Dragon und der unmißverständlichen Erstarrung in The Ice Storm ist der Drang der Figuren nach Selbstbestimmung und Erfüllung sichtbar. Jack aus Brokeback Mountain würde mit Ennis wahrscheinlich auch dann eine spannungsreiche und letztlich unglückliche Beziehung führen, wenn beide im heutigen Berlin lebten.

Nun stellt sich jedoch die Frage, ob dies nicht schlicht die Merkmale von geschickt konstruierten Geschichten sind? Enthält nicht jede Grundsituation einen Konflikt, der die Handlung in Gang setzt und die Figuren treibt und trägt, bis ihre Probleme gelöst sind oder bis sie aufgeben müssen? Diese Voraussetzungen noch stärker zuzuspitzen und ihnen noch einige dramatische Aspekte zu verleihen mag das Wesen des Melodrams sein, aber ist es auch schon ein unverkennbarer Zug im Schaffen Ang Lees? Ein wohlwollender Zuschauer und Leser könnte in den Fluchtbewegungen der Figuren auch die Sehnsucht des Regisseurs erkennen, den strengen Rahmen, in den ihn die Produktionsbedingungen zwingen, zu verlassen.

Pekler und Ungerböck untersuchen ihr Thema gewissenhaft und ziehen anerkennenswerte Schlüsse. Auch nehmen die Autoren den anfangs angesprochenen Umstand, daß ein Film immer eine Gemeinschaftsproduktion ist, ungewöhnlich ernst. In der Filmographie wird jedem Werk eine ganze Seite zugestanden, um so viele Teammitglieder wie möglich nennen zu können. Dennoch ähnelt das Buch in Form und Tonfall dem Zusatzmaterial vieler DVDs. Das Gesamtwerk wird gelobt und gewürdigt, ein Interview mit Ang Lee rundet die Erkenntnisse der Autoren ab, ebenfalls prominente Mitarbeiter steuern witzige Anekdoten und Beobachtungen bei (wir erfahren, daß Emma Thompson gelegentlich für alle Kollegen Brötchen backt und wie viele Ang Lee davon verdrücken kann), und Filmstils ergänzen den Text. Das vorliegende Buch ist weniger eine kritische Auseinandersetzung, sondern vielmehr ein Werbetext, ein Werbetext für die Marke »Ang Lee«, deren Produkte so viele verschiedene Ansprüche befriedigen. 2009-09-14 10:25

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