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Kino und Ereignis

Sabine Nessel: Kino und Ereignis. Das Kinematografische zwischen Text und Körper. Berlin 2008. Vorwerk 8. 176 Seiten. 19,- Euro.

Lohnende Lektüre

Von Thomas Warnecke Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. An Wittgensteins Satz haben sich nicht nur Filmkritiker selten gehalten, weshalb Sabine Nessels Dissertation eine lohnende Lektüre gerade für diejenigen darstellt, die sich sprachlich mit Film – oder vielmehr dem Kino – befassen. »Kino und Ereignis« heißt ihr Werk, Kino als Ereignis ist gemeint, im Unterschied zum Film als Text, wie ihn insbesondere Christian Metz ins Visier nahm.

Schönerweise wählt die Autorin zum Einstieg eine Filmkritik, eine der besten, die je verfaßt wurden, die von François Truffaut zu Otto Premingers Bonjour Tristesse. Darin gesteht Truffaut ein, den Film »nicht wirklich analysiert« zu haben, weil er sich ihm bzw. dem »auf geheimnisvolle Weise« entziehe. Das ist der Punkt: Analyse oder Interpretation mögen noch so treffend und messerscharf sein, bei Filmen, die ein wirkliches Ereignis oder Erlebnis sind, verfehlen sie scheint’s doch immer den Kern, das Besondere, eben: das Ereignis. Vermutlich deshalb ist der zweite Teil des Buches, »Das Kinoereignis in den Filmen«, in dem sich die Autorin auf »Indizien und Spuren«-Suche nach dem Kinoereignis in einzelnen Filmen macht, so viel spannender als der eher pflichtschuldige Theorie-Abriß von Cohen-Séat bis Tom Gunning im ersten Teil, »Das Kinoereignis in der Theorie«.

Zumal Nessel dort, bei den Theoretikern, vor allem die Lektüre dieser Theoretiker belegt und weniger deren Durchdringung. Will sagen, sie bleibt im üblichen allgemeinen Theorie-Seminar-Tonfall stecken. Das ist im zweiten Teil oft genug anders, der auch für sich schon genügend theoretische Vorkenntnisse enthält und sie an den richtigen Stellen einbindet. Am Beispiel Twister führt Nessel das audiovisuelle Erlebnis von Attraktionen (Katastrophen) vor, das an die Stelle ihrer bloßen Repräsentation getreten sei. An Ausnahmezustand wird das Kinoerlebnis als von realen bzw. medialen Bildern gespeistes dargestellt. Schließlich kommen, nach weiteren »attraktiven« Ausführungen zu E.T. und Elvis, mit Angela Schanelec und Laetitia Masson zwei aktuelle Filmautorinnen in den Blick, die man in einem Buch zu Kino und Ereignis nicht unbedingt erwartet hätte. Viel mehr als für einen theoretischen Überblick sorgt Sabine Nessel für eine Vergegenwärtigung dessen, was zurzeit im Kino erlebt werden kann. Daß dabei die Sprache manchmal an die Grenze des Sagbaren gerät, ist früher schon den Besten passiert. Schön ist übrigens auch der eingeschobene Exkurs »Tiere: Adorno, Grzimek, James Dean«. 2009-09-07 10:20

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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