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Quentin Tarantino gegen die Nazis

Georg Seeßlen: Quentin Tarantino gegen die Nazis. Alles über Inglorious Basterds. Berlin 2009. Bertz + Fischer. 176 Seiten. 9,90 Euro.

Mission accomplished – Hitler kaputt

Von Werner Busch Auch ein Kunststück: Die Dreharbeiten waren im Februar 2009 noch nicht abgeschlossen, als bereits der erste Trailer von Inglourious Basterds veröffentlicht wurde. Schon drei Monate später sollte die Premiere in Cannes erfolgen, die von der Fachpresse dann durchaus zwiegespalten aufgenommen wurde. Lars-Oliver Beier konstatierte etwas konstaniert: »Tarantino beginnt mit totalem Stillstand – und nimmt danach langsam das Tempo heraus. Ohne jedes Gefühl für Timing walzt er seine Geschichte geschlagene 160 Minuten lang über die Leinwand. […] In diesem Film passt wenig zusammen. Wenn sich […] Tarantino noch einmal an den Schneidetisch setzt, gibt es viel tun.« Und tatsächlich begab sich der Regisseur mit seiner Stammeditorin Sally Menke, die ihn seit Reservoir Dogs bei jedem Spielfilm begleitet hat, nur wenige Wochen vor dem angesetzten weltweiten Kinostart wieder in den Schneideraum, um seinem Film den letzten Schliff zu geben. Allerdings nicht in Form einer Straffung oder Verkürzung, wie das vielleicht zu erwarten gewesen wäre – die finale Fassung ist knappe zwei Minuten länger. Man merke: Inglourious Basterds entstand in rasender Eile. Ähnlich arbeitsreich dürften die vergangenen Wochen auch für die Koryphäe der deutschen Filmkritik, Georg Seeßlen, gewesen sein. Pünktlich zum Kinostart liegt mit »Quentin Tarantino gegen die Nazis« bereits eine erste, aber beinahe umfassende Analyse in den deutschen Buchhandlungsregalen.

Nach einem etwas betrüblichen Beginn, in dem er die aus dem Titel genommene Bastard-Thematik deutlich überstrapaziert, nicht ohne dies freimütig selbst im Text zu bemerken, folgt eine 50seitige Nacherzählung der Filmhandlung. Was sich für den Kinogänger durchaus redundant anhören mag, hat aber überaus großen Wert, da Seeßlen hier viele der mannigfaltigen Filmbezüge von Inglourious Basterds aufdeckt; etwa in Form der verweisenden Namen, die sämtliche Figuren tragen. Darüber hinaus zeigt Seeßlen kenntnisreich viele Bezüge zu verschiedensten Genrefilmen und Filmgenres auf, die augenscheinlich oder verbrieft Einfluß auf Tarantino hatten. Der besondere Vorzug der Filmnacherzählung aber ist der Miteinbezug der zahlreichen Szenen, die es nicht in die finale Schnittfassung geschafft haben oder lediglich im Drehbuch zu finden sind. Hierdurch wird nicht nur das bloße Verständnis der Filmhandlung auf interessante Weise vertieft, sondern es werden ebenso interessante Rückschlüsse auf Tarantinos Arbeitsweise möglich und damit auf eine Neugewichtung verschiedener Elemente während des Herstellungsprozesses.

Drei der Hauptreferenzen des Films greift Seeßlen für ein eigenen Kapitel heraus: die »dirty war movies« der 1960er und 1970er, den Italo-Trash, sowie Enzo G. Castellaris Quel maledetto treno blindato, der 1978 unter dem internationalen Verleihtitel The Inglorious Basterds erschien. Auch wenn er mehrmals angesprochen wird, hätte man sich spätestens hier eine detailliertere Auseinandersetzung mit dem Genre des Italowestern gewünscht, der für den Gesamtrhythmus des Films, wie auch für viele Szenen im Einzelnen, so bestimmend ist.

Unter der nicht unzutreffenden Überschrift »Mr. Tarantinos Kriegserklärung« findet sich schließlich das Herz dieser Publikation: eine übergreifende, tiefgehende Filmanalyse bester Seeßlenscher Prägung, die zu erläutern sucht, warum Inglourious Basterds ein Film ist, »an dem sich das, was Geschichte, Erinnerung, Erzählung und Kino ist, neu definieren muss.« Nicht unpolitisch verteidigt der Autor hier insbesondere Tarantinos freien Umgang mit der Historie und erörtert dessen enorme Wichtigkeit und Bedeutung weit über die Grenzen dieses Films und dieses Kinojahres hinaus. Hochaktuell beschreibt er hier auch die Vorzüge von Tarantinos Film gegenüber Bryan Singers Operation Walküre, beispielsweise auch so: »Nur wundern kann man sich, wie in Valkyrie Hitler dem Attentat entgeht. Der fehlgeschlagene Anschlag macht die Erzählung durch und durch ratlos, die Geschichte macht mit den Nazis gemeinsame Sache.« Gekonnt wird in dieser Analyse auch auf die vielfältigen doppelten Böden eingegangen, die sich insbesondere durch die »Auflösung« der Handlungsfäden ergeben. Diese Fallstricke und der Film insgesamt werden noch viele Exegeten unterschiedlichster geisteswissenschaftlicher Prägung notwendigerweise und zwingend beschäftigen. »A Basterd’s work is never done«, wie es der Trailer formulierte.

Seeßlen liefert mit »Quentin Tarantino gegen die Nazis« natürlich nicht »Alles über Inglourious Basterds« wie es das Cover prahlerisch verspricht. Aber er kann durch seinen Kenntnisreichtum und seine durchdringende Beobachtungsgabe sehr viel wertvolles Ausgangsmaterial (mit einer kaum noch zu toppenden Zeitnähe zum Kinostart) liefern, das durch seine große analytische Qualität die Rezeptionsgeschichte dieses Films in Deutschland sicherlich – und hoffentlich – stark beeinflussen wird. 2009-08-31 11:06

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