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Eins zu Hundert – Die Möglichkeiten der Kameragestaltung

Achim Dunker: Eins zu Hundert – Die Möglichkeiten der Kameragestaltung. Konstanz, 2009. UVK. 200 Seiten. 19,90 Euro.

Vorsätzliches Aus-dem-Rahmen-Fallen

Von Ines Schneider Der Fotoingenieur, Filmtechniker und Autor Achim Dunker ist Amateuren wie Profis vor allem durch sein Buch »Die chinesische Sonne scheint immer von unten« bekannt, in dem er dem Leser umfassend und verständlich die Grundlagen der Lichtsetzung im Film näherbringt. Es bietet alles, was man von einem Grundkurs verlangen kann und noch viel mehr, denn dem Autor gelingt es nicht nur, dem angehenden Beleuchter das erste unentbehrliche Fachwissen zu vermitteln, es leitet auch dazu an, die reale Umwelt und den später künstlich geschaffenen Raum bewußt wahrzunehmen, sich die wesentlichen Fragen zu stellen und Lösungen weniger aus dem Buch abzulesen, als vielmehr das Buch als Aufforderung zu betrachten, eigene Experimente durchzuführen und eigene Erfahrungen zu sammeln.

Auch »Eins zu Hundert – Die Möglichkeiten der Kameragestaltung« besitzt diese Qualitäten, doch es direkt mit dem oben genannten Werk zu vergleichen, wäre unfair. Wo in der »Chinesischen Sonne« ausführlich ein einzelner Punkt der Bildgestaltung behandelt werden kann, müssen hier auch die vielen anderen verschiedenen Komponenten berücksichtigt und erläutert werden, die zu einer aussagekräftigen Bildkomposition gehören: die Position der Kamera und der Objekte im Raum, die Einstellungsgröße, die Komposition der Bildelemente, die Eigenarten der menschlichen Wahrnehmung… Und wenn alles zufriedenstellend arrangiert ist, dann gerät es auch noch in Bewegung! Der Autor geht auf so viele Themen wie möglich ein, doch durch die Verschiedenheit der einzelnen Bereiche und die Fülle der möglichen Informationen müssen manche Ausführungen etwas gerafft und verkürzt werden. Einige wesentlichen Elemente, wie die Farbdramaturgie, können nur kurz angerissen werden, anderen wird bewußt mehr Raum gelassen, weil sich daran gleich mehrere Aspekte eines einzelnen Gestaltungselements darlegen lassen.

Dunker legt großen Wert darauf, nicht nur auszuführen, was technisch möglich ist, sondern auch immer wieder ins Bewußtsein zu rufen, was für die beabsichtigte Aussage einer Szene sinnvoll und was im Hinblick auf die Grenzen von Zeit, Kraft und Geld ökonomisch ist. Die aufwendigste Vorgehensweise bringt nicht immer die besten Resultate. Der von vielen Technikern in mehrfacher Hinsicht als »billige« Lösung gemiedene Zoom zum Beispiel ist in der Tat kostengünstiger als eine spektakuläre Kamerafahrt. Darüber hinaus könnte er aber genau passend sein, um einen bestimmten Sinneseindruck in Bilder zu fassen, wie das Gefühl des freien Falls. Zeit spart man dagegen nicht zwangsläufig, und anspruchslos ist die Technik schon gar nicht. Wer gezielt einen Zoom benutzt, sollte den Einsatz genauso detailliert planen, wie die Bewegung der gesamten Apparatur durch das Set. In diesem Zusammenhang betont der Autor, wie wichtig die eingehende Vorbereitung der Dreharbeiten und die Zusammenarbeit aller Beteiligten ist. Der Regisseur kommt nicht ohne das Knowhow seines Teams aus, der Director of Photography nicht ohne seine Assistenten, Lichtsetzer, Schwenker usw.

Daß »Eins zu Hundert« oft, aber nicht immer die Dichte der »Chinesischen Sonne« erreicht, mag auch am Schreibstil liegen. Hier ist die Sprache noch stärker an den Tonfall einer lockeren Einführungsveranstaltung angelehnt. Es ist sympathisch, daß der Autor mit kleinen Abschweifungen und Anekdoten die Lektionen vor allzu großem Ernst bewahren möchte, doch diese Vorgehensweise erschwert es dem Leser gelegentlich, die relevanten Informationen des Textes zu erfassen. Doch viele der etwas zu saloppen Ausdrücke sind bereits in Anführungszeichen gesetzt, und da Achim Dunker mehr als einmal darauf hinweist, daß die gewohnte Vorgehensweise nicht immer die beste ist, akzeptiert man seine persönliche Schreibweise.

Denn was auch dieses Werk wieder so empfehlenswert macht ist, daß Dunker nie den Eindruck erweckt, als wolle er belehren. Stattdessen scheint er sein Wissen teilen zu wollen, um dem Leser das Selbstvertrauen zu vermitteln, dem eigenen Urteil zu vertrauen und nicht nur dem gerade gängigen Trend nachzueifern. Wer den herrschenden Geschmack reproduzieren kann, wird vermutlich leichter Arbeit finden, auch das verschweigt der Autor nicht. Doch originelle und individuelle Einstellungen werden vor allem gelingen, wenn der Filmschaffende die bestehenden Möglichkeiten kennt und imstande ist, sie systematisch einzusetzen. Jedem, der eine Kamera besitzt und damit etwas erzählen möchte, können überraschende und packende Aufnahmen gelingen. Aber vor allem wer erkennt, was ein Fernsehbild im Vorabendprogramm so gewöhnlich erscheinen läßt, kann ganz bewußt anders vorgehen. Wer weiß, wie die Mehrzahl der Bilder aufgebaut ist und wie sich der Betrachter von den vertrauten Elementen leiten läßt, kann von diesem Weg abweichen und sein Publikum in eine andere Richtung lenken, vielleicht sogar in die gewünschte.

Immer wenn er die praktische Arbeit, die der großen Kunst vorangeht, beschreibt, kehrt Dunker zu seiner konzentrierten Ausdrucksweise zurück. Hier finden auch Interviews mit anderen Filmtechnikern Verwendung, die die Herausforderungen verdeutlichen, denen sich ein Team stellt, wenn die Lösung für ein ganz konkretes Problem gefunden werden muß. Doch leider wird sein Konzept, dem Leser nicht als Anfänger, sondern als Kollege zu begegnen, vom Verlag leicht sabotiert. Obwohl die Filmwelt voller junger Talente ist und eine Fülle von Interviewmaterial zur Verfügung stand, fanden doch wieder nur die Aussagen der absolut prominentesten Gesprächspartner den Weg in das vorliegende Buch. Man kann die Geduld nur bewundern, mit der Michael Ballhaus immer wieder die gleichen Fragen beantwortet, die ihm zu immer derselben Szene gestellt werden, als sei anzunehmen, daß ihm zu der Kreisfahrt in Martha während der letzten zwanzig Jahre ein entscheidendes Detail entfallen war. Der Tag wird kommen, an dem er sagt: »Ja, ich habe eine Kamera um 360 Grad gedreht. Aber machen Sie das nicht nach! Dadurch geraten Sie in eine Zeitschleife!« 2009-08-24 11:27

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