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Die versiegelte Zeit

Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Neuausgabe. Berlin 2009. Alexander Verlag. 408 Seiten. 28,- Euro.

An ihren Werken sollt Ihr sie erkennen!

Von Werner Busch Die Werke großer und bekannter Filmkünstler werden im günstigsten Fall von Zeit zu Zeit neu entdeckt. Im allergünstigsten Fall werden sie auch immer wieder neu und anders interpretiert: Die Exegeten finden jungfräuliche Schwerpunkte und entdeckten frische, interessante Betrachtungsweisen, auf die der betreffende Film scheinbar all die Jahre nur gewartet hat. Was mit den Werken großer, aber unbekannter Filmkünstler geschieht, das weiß niemand.

Tarkowskij, der Mann, bei dem man nie so wirklich sicher ist, wie man seinen Namen »richtig« schreiben soll, ist unzweifelhaft einer von diesen Großen. Mit zunehmendem Verwesungsgrad seiner sterblichen Überreste ist er immer weiter im Pantheon der Filmkünstler aufgestiegen und dürfte sich mittlerweile – zumindest in den Kopfwinkeln seiner vielzähligen Bewunderer – die meiste Zeit mit dem Lieben Gott persönlich um den Platz mit der besten Aussicht kloppen. Ganz erstaunlich: Er hat sich diesen einmaligen Status der Verklärung tatsächlich in künstlerischer Weise mit seinen Filmen redlich erarbeitet, sein schnodderig-entrücktes »Publicity-Verhalten« hat dazu sicherlich weniger beigetragen.

Wo bei Filmen durch immer neue Möglichkeiten zur medialen Verbreitung auch permanent die Möglichkeit zur Neuentdeckung gegeben wird, sieht man sich bei Filmliteratur, schon immer, aber wohl zunehmend, mit kurzen Textinformationen wie »Vergriffen. Keine Neuauflage« konfrontiert. In diesem Dilemma würde nun üblicherweise der Autorenstatus des Heiliggesprochenseins eine besondere Wichtigkeit erhalten. Im Falle von »Die versiegelte Zeit« aber ist es schlichtweg die ganz besondere Qualität des Textes, die die Neuauflage des Alexander Verlages so nötig, folgerichtig und großartig macht.

Wie auch bei seinen Filmen kommen wir mit zeitlicher Distanz zu einer Andersbewertung. War 1985, als das Buch erstmals in deutscher Sprache erschien, vor allem der Skandal um den ausgesiedelten, verstoßenen Sowjet-Künstler und seine hier geäußerte, offene Kritik an seinem Heimatstaat das bestimmende Thema, lesen wir heute seine ebenfalls im Text vorhandene Kritik an der westlichen Konsumwelt genauer. Seine Klage nach einer verlorenen Spiritualität und seine Suche danach wirken heute lauter und drängender.

Tarkowskij bedient sich zwar in seinen Filmen des gesprochenen Wortes, doch sind sie gleichsam Musterbeispiele dafür, daß das originär Filmische keiner Sprache bedarf. Das unausdeutbare Bild, das man mit Worten nie zur Gänze beschreiben kann, dominiert. Seine Filme verweigern bewußt leichte interpretatorische Zugänge, arbeiten an der Dekonstruktion von Interpretation, wollen unmittelbare Erfahrung – und dies allein – sein. Das Ungesagte, weil Unsagbare, ist bestimmend. Da nimmt es wie ein Wunder aus, daß Tarkowskij in seinem Buch die Dinge so klar und unmißverständlich beim Namen nennt. Er formuliert sehr präzise, was nach seiner Auffassung Film ist, was er leisten kann, soll und muß. Und obwohl er vielfach gegen Filmtheorie polemisiert, insbesondere die Eisensteinsche, liefert er doch mit diesem Buch beinahe eine eigene Theorie ab. Sich lose an den Erfahrungen seiner Filmkarriere entlanghangelnd, sagt der Meister des Unsagbaren meisterhaft und sehr klar sehr viel. Und wird dadurch angreifbar.

Zweifellos wird man viele Passagen und vielleicht auch ganze Kapitel entdecken, die dogmatisch-orthodox erscheinen. Insbesondere sein Schauspiel-Verständnis dürfte Unmut bei einigen Lesern hervorrufen. Widerstand regt sich bevorzugt auch dort, wo Tarkowskij filmische Gefilde verläßt und über Kunst, Leben, Sinn und Zweck insgesamt, mit aristotelisch anmutender Einfachheit, referiert. Dennoch ist es kein Simplizismus der hier vorherrscht. Vielmehr steht die verbale Bestimmtheit des Autors lediglich seiner charakterlichen Geradlinigkeit nicht nach, und es ist die Offenheit der als in sich geschlossen wahrgenommenen Person Tarkowskij, die überrascht und beinahe erschreckt.

Tarkowskij zeigt sich als Suchender, der glaubt, zu ein paar Einsichten gekommen zu sein. Gerade weil diese streitbar sind, erlebt der in seinen Filmwelten Bewanderte einen angenehmen Gegenpol zu dem ansonsten so unangreifbar Ungreifbaren. Die sehr schön gesetzte, gebundene Neuausgabe wird durch ein neues, gut gelauntes Vorwort von Dominik Graf ergänzt und bietet mit dem Nachwort des Übersetzers und einem Innenteil mit einigen selteneren Filmstills schlichtweg die bislang schönste Ausgabe dieses auch weiterhin wichtigen und sehr lesbaren Buches. 2009-08-17 10:28

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