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William Shatner: Durch das Universum bis hierher

William Shatner: Durch das Universum bis hierher. Die Autobiographie. Berlin 2009. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 350 Seiten. 19,90 Euro.

The Shatman Chronicles

Von Patrick Hilpisch Seine Fans nennen ihn liebevoll »Shatman« oder »The Shat«. Mit der »Encyclopedia Shatnerica« wurde ihm ein eigenes Nachschlagewerk gewidmet, und seine markante Art zu sprechen wird gemeinhin als »shatnerisch« bezeichnet. William Shatner ist seit Einführung der Sternenzeit Popkultur in Reinkultur. Daß die Gleichung Shatner ist Kirk ist Shatner die Realität um den kanadischen Schauspieler, Autor, Regisseur und Musiker nur bedingt abbildet, wußten Trekkies und Medieninteressierte schon lange. Für alle anderen und diejenigen, die es ganz genau wissen wollen, hat sich William Alan Shatner ein wenig Zeit genommen, über sein Leben reflektiert und dies zu Papier gebracht.

In »Durch das Universum bis hierher« schaut der heute 78jährige auf eine fast 60 Jahre andauernde Schauspielerkarriere zurück – und kommt bereits am Anfang ins Schlingern. Wie nur fängt man die eigene Lebensgeschichte an? Shatners Antwort: Er bietet gleich mehrere potentielle Einstiege in sein Leben. Mit dem rhetorischen Kniff, die Frage nach dem passenden Anfang an den Anfang zu stellen, erfindet William Shatner das autobiographische Rad keineswegs neu. Doch mit diesem kleinen »Was wäre, wenn ich auf diese Weise begänne«-Spielchen macht er klar, was den Leser auf den folgenden Seiten erwartet: die Erinnerungen eines Mannes, der viel erlebt hat, über ein gesundes Ego verfügt und trotz unverkennbarer narzißtischer Tendenzen über sich selbst lachen kann.

Shatner beschreibt sein Leben weitgehend klassisch – chronologisch blickt er auf seine Anfänge als Bühnenschauspieler in Kanada, seine ersten Auftritte am Broadway, seine Arbeit für TV- und Kinoproduktionen, seinen verspäteten Erfolg mit Raumschiff Enterprise und die sich daraus ergebenden Chancen, Erfolge und Niederlagen. Allein die Geschichten um die Vielzahl der Projekte, an denen Shatner in den letzten 60 Jahren mitgewirkt hat, verleihen der Autobiographie einen nicht zu unterschätzenden theater-, fernseh- und filmhistorischen Mehrwert. Und darüber hinaus sind sie verdammt unterhaltsam. Das reicht unter anderem von einem arschtritteverteilenden Yul Brynner über eine verkorkste Blutopferszene vor dem Gründer der Church of Satan bis hin zu einer hitzigen Paintball-Schlacht mit einem nicht ganz so herzschwachen Star-Trek-Veteranen.

Wenn William Shatner den Blick auf sein Privatleben richtet, wird der Ton meist ein wenig ernster und nachdenklicher. Den negativen Effekt, den seine Arbeit auf seine Ehen hatte, verschweigt er ebenso wenig wie die Alkoholprobleme seiner dritten Frau und ihren schlagzeilenträchtigen Unfalltod. Ansonsten beschreibt er Niederlagen und Rückschläge – wie etwa seinen zunächst gescheiterten Ausflug in die Musikbranche mit dem Album »The Transformed Man« (1968) oder das kleinere Debakel um Star Strek V – offen und mit der Gelassenheit des aus einer komfortablen Position Zurückblickenden. Von Bitterkeit keine Spur. Fast keine Spur. Den glanzlosen Filmtod von James T. Kirk konnte er den Produzenten nicht so leicht verzeihen, deshalb hat er ihn auch in seinen Star-Trek-Romanen wieder auferstehen lassen.

William Shatner stellt sich als Mensch dar, der im Hier und Jetzt gelebt hat und lebt. Ein Mann mit vielen Talenten und Interessen. Ein pragmatischer Realist und passionierter Künstler, der hartnäckig an seiner Karriere gearbeitet hat und für den sich mancher Rückschlag, manche Peinlichkeit später bezahlt gemacht hat. In der Rolle des Erzählers fühlt sich Shatner sichtlich wohl. Spielerisch nutzt er die diesem innewohnende Macht aus, um den Leser zu überraschen, zu necken, das Geschriebene ironisch zu brechen. Ein selbstbewußter Erzähler, der gerne mal etwas übertreibt, wie er selbst zugibt. Hier und da hebelt er die Chronologie auf, wirft Anekdotisches ein, einen Restaurant-Tip oder macht augenzwinkernd Eigenwerbung für seine Website. »Shatman« ist halt ein alter Hase und ein gerissener Marketing-Profi, der sich in allen Medien zuhause fühlt. Und er kommt damit davon, weil er es einem so ungeheuer charmant-dreist und ironisch überspitzt verkauft.

Irgendwann, so erklärt Shatner in seinem Buch das steigende Interesse an seiner Person, habe er herausgefunden, daß die Leute es gut finden, wenn er sich selbst durch den Kakao zieht. Sein Vorteil sei gewesen, daß es ihm selbst auch große Freude bereitet hat. Diese Fähigkeit zur Selbstironie war es, die Shatner vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem auch beim jüngeren Publikum beliebten Entertainer gemacht hat. Er war unter anderem Werbeträger für »World of Warcraft«, hat bei den MTV Movie Awards mitgewirkt und ist höchst aktiv im Internet, etwa auf seinem Myspace-Profil. »The Shat« ist wieder cool, sogar sein geflopptes erstes Album findet jetzt Bewunderer, und sein zweites heimste gute Kritiken ein. Er ist ein gerngesehener Gast in Talkshows, auch in solchen, die abseits des Mainstreams liegen, wie etwa der »Henry Rollins Show«. Und was sollte William Shatner auch anderes tun, als diesen Hype zu genießen, bis der große Schöpfer sich dazu entschließt, ihn zu sich raufzubeamen? Möge er lange und in Frieden leben! 2009-08-03 10:48

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