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New Hollywood bis Dogma 95

Thomas Christen, Robert Blanchet: New Hollywood bis Dogma 95: Einführung in die Filmgeschichte Band 3. Marburg 2007. Schüren Verlag. 517 Seiten. 38,- Euro.

Für die Lust am Detail

Von Martin Thomson Nicht selten kommt es vor, daß in einem bestimmten Zeitabschnitt produzierte Einzelwerke als Subsumtionsvehikel für die Konstruktion einer spezifischen Wirklichkeit innerhalb eines geschlossenen historischen Zeitabschnitts herhalten müssen. Wer kann sich eigentlich noch exakt daran erinnern, worum es in Easy Rider ging? Um die New-Hollywood-Bewegung auf den Punkt zu bringen, in der das Lebensgefühl der 68er-Bewegung widergespiegelt werden soll, reicht oftmals jener unkommentiert dargebrachte Filmausschnitt, in dem Peter Fonda und Dennis Hopper auf Motorrädern zu Steppenwolfs rotzigem »Born to Be Wild«-Song den Highway entlangbrettern. Der Film selbst fungiert hier nur noch als Primärquelle für Theorien über eine zur Transparenz gelangende Auffassung der Kunstvertreter eines bestimmten historischen Segments, von dem aus auf eine vermeintlich kollektive kulturpsychologische Disposition seiner Restmitglieder geschlossen wird.

Mit Kunstrichtungen ist es daher ein bißchen wie mit Konfektionsgrößen in der Welt der Mode: Das Maß um die meisten Kleidungsstücke tragen zu können, die sich so in Boutiquen finden lassen, wird nicht daran festgemacht, ob der Körperumfang der Mehrheit mit diesem Maß übereinstimmt. Im Gegenteil: Es wird, unabhängig von der Lebenswirklichkeit, vorausgesetzt und zur Norm erklärt. Mit anderen Worten: Ob die Filme, die zu Sinnbildern ihrer Zeit erklärt werden, auch tatsächlich ihre Zeit widerspiegeln, ist weniger von Belang als ihre Funktion, aus ihnen ein bestimmtes Zeit- und Selbstbild konstruieren zu können. Das macht die Handhabung mit Epochenerklärungen-, Zuordnungen und Ausrufungen zu einem riskanten Unterfangen mit einem großen Potential ideologisch motivierter Verklärung, dessen polemische Wirkung nicht wenige Kunst- und Kulturschaffende immer wieder erkannt und zu ihrem Zweck eingesetzt haben.

Es erscheint daher nur folgerichtig, daß Thomas Christen und Robert Blanchet in ihrem Werk »Einführung in die Filmgeschichte« die Beschäftigung mit Dogma 95 als Abschluß ihres Publikationsprojekts herangezogen haben, welches zwei weitere Bände vorsieht, die sich der Zeit vor 1968 widmen. Gerade Dogma 95 wäre ohne den Hang der Filmgeschichtsschreibung zu historischen Kategorisierungen nie denkbar gewesen. Weder seine Entstehung als Manifest, das die Abgrenzung zu vergangenen Bewegungen wie der Novelle Vague suchte, noch seine medienwirksame Inszenierung, die ihren Unterzeichnern zu internationaler Anerkennung verhalf. Dogma 95 mit seinem Keuschheitsgelübde auf der einen und einem Meisterwerk wie Das Fest auf der anderen Seite, ist daher als Parodie und Höhepunkt auf die Filmgeschichtsschreibung vergangener revolutionsromantischer Exegeten zu sehen. So etwas wie eine Konzentration ihrer Möglichkeiten, aber auch eine letzte Antwort auf den Gehalt ihres Ausgangs in die Gehaltlosigkeit der Filme, die Dogma 95 ablehnt, um ihnen das Modell ihres Verderbens vorzuhalten und es gleichsam durch ein Neues zu ersetzen. Auch Dogma 95 ist inzwischen tot, aber das Medium hat es überlebt. Mit dazugewonnen formalen und inhaltlichen Fortschreibungen. Auch im kommerziellen Kino.

Thomas Christen und Robert Blanchet haben die Balance, nach der es verlangt, um mit den prekären Kategorisierungen und Mustern der Epochenbildung umzugehen, erkannt, und sie nehmen ihren Gegnern auch sogleich den Wind aus den Segeln, wenn sie in der Einleitung den spezifischen Blickwinkel der Filmgeschichte als Makroansatz erläutern und rechtfertigen. Dementsprechend sinnvoll erscheint es daher, daß jedem Kapitel, in dem sich ein Autor einer Bewegung widmet, ein exemplarisches Beispiel, eine spannende Auflistung von weiterführender Literatur und eine umfangreiche Filmographie angefügt wird, so daß aus der Makroperspektive Mikroansätze nachverfolgt werden können.

Womit auch der grundsätzliche Vorzug dieses Publikationsprojekts zu ähnlichen Versuchen genannt wäre, die sich nur allzu oft an dem nur schwer zu bewältigenden Gewicht der Auswüchse des über 100jährigen Mediums verheben. Die Autoren folgen der Maxime: Andeuten statt Ausformulieren. Die Übersichtlichkeit und Struktur wahren statt sich in letztlich bodenlosen Interpretationen zu verlaufen. Was nicht gleichzusetzen ist mit einem Kratzen an der Oberfläche. Statt im Vagen zu bleiben, werden die Autoren konkret. Statt sich zu verlaufen, läuft »Einleitung in die Filmgeschichte« geradeaus und beweist auch noch Mut zur Lücke. Füllt sie auf eine Weise, daß sie nicht Gefahr läuft, überzuschwappen. Wenig verwunderlich angesichts der Tatsache, daß Christen und Blanchet den filmgeschichtlichen Blickwinkel wie folgt charakterisieren: »Einzelwerke spielen in der Filmgeschichte durchaus eine Rolle, jedoch macht eine Aufzählung von Filmen noch keine Filmgeschichte aus – sie konstituiert sich erst in den Beziehungen, im Zwischenraum der Filme, vor dem Hintergrund allgemeiner historischer Entwicklungen und unter einer Perspektive, die den zeitlichen Ablauf und Kontext elementar berücksichtigt.« Die konstitutive Lücke scheint bei den Autoren also bereits intruiert, und sie macht Lust auf das Detail, wenn man die Lektüre eines Kapitels beschlossen hat.

Bereits das Inhaltsverzeichnis läßt es erahnen: »Einführung in die Filmgeschichte« ist von Leuten gemacht worden, die über eine akademisch geprägte Kompetenz für Dramaturgie und Aufbau eines filmwissenschaftlichen Werkes verfügen. Mit dem Querschnitt des globalen politischen Kinos nach 1968 leiten die Herausgeber und die Autoren ein, um sich dann, in den Folgekapiteln, der explizit politischen Implikationen unterschiedlicher Strömungen wie New Hollywood, Black Cinema, dem Neuen Schweizer Film, dem Neuen (und Neuesten) Deutschen Film, dem New British Cinema und dem jungen französischen Kino zu widmen. Im Anschluß werden dann sonst eher an den Rand gedrängte Bewegungen wie das Dritte Kino beleuchtet und damit ungeahnte stilistische Vorläufer und Inspirationsquellen, eben auch für den kommerziellen und unabhängigen amerikanischen Film, aufgespürt. Wer hätte etwa damit gerechnet, daß postmoderne Kopfgeburten wie Being John Malkovich ihre Wurzeln teilweise in der Bewegung des Magischen Realismus haben, die aus Südamerika stammt?

Das Herz zwischen den beiden »großen« Bewegungen New Hollywood und Dogma 95 liegt dann auch überraschenderweise tatsächlich in Filmströmungen verborgen, die in den meisten Fällen eher isoliert, aber nur selten in einem größeren Kontext als nur scheinbar gegensätzliche Bewegungen analysiert werden: wie etwa das iranische Kino seit 1970 oder der feministische Film seit 1979. Geschickt überführt »Einführung in die Filmgeschichte« dann die ehemals eher politisch motivierten Produktionsphasen der 1960er und 1970er Jahre in die Postmoderne. Robert Blanchet gelingt dabei tatsächlich das seltene Kunststück, den Begriff der Postmoderne nicht als Gemeinplatz zu mißbrauchen, sondern sowohl auf die Notwendigkeit seines Gebrauchs, als auch auf seine trügerische Verführkraft zu verweisen, der nicht wenige Kulturwissenschaftler mittels einer undifferenzierten und inflationären Nutzung aufsitzen.

Zugleich bereitet es einem aufgrund der pointiert ausgesuchten Film- und Szenenbeispiele aus der Populärkultur einfach Freude, nach Kapiteln aus den eher unbekannten Gefilden des subkulturellen Kinos, dem massen- und minderheitenverschmelzenden Kino der Postmoderne mit einem Kopf neuer Erkenntnisse zu begegnen. Gerade dies ist eines der großen Vorzüge des Werks: die Nähe zwischen sonst eher getrennt gedachten Erscheinungsformen der Filmgeschichte. Eine wahre Freude für alle aufgeschlossenen Cineasten, wenn Deutschland im Herbst mit der gleichen Ernsthaftigkeit angegangen wird wie Jurassic Park, wenn das US-Independent-Kino unter der gleichen Kapitelüberschrift firmiert wie Dogma 95 und Star Wars von Fallen Angels lediglich 22 Seiten trennen.

Auch das üblicherweise so verschriene amerikanische Mainstreamkino erhält an zwei Stellen eine Relevanz zugesprochen, die längst überfällig war. Einmal in seiner Ausformung als Politkino, d.h. der von Avantgarde-Regisseuren so gefürchteten Identifikation wird das Potential zugesprochen, mittels positiver Identifikationsfiguren Widerstände und Ängste gesellschaftlich dominanter Vertreter abzubauen, und ein anderes mal wird zwischen dem amerikanischen Blockbuster- und dem frühen Kino der Attraktionen eine Brücke geschlagen; eine, die den Zugang zu einem Kapitel über Spezialeffekte erleichtert, um die technischen Verfahrensweisen und ihre ästhetischen und medialen Auswirkungen zu verstehen.

Dem unabhängigen amerikanischen Kino wird mit einem pragmatisch-ökonomischen Ansatz, aber auch mit einem Fokus auf stilistische Merkmale begegnet, so daß einem auf spannende Weise Aufschluß über die sonst eher unerwähnten Verflechtungen zwischen amerikanischem Studio- und Independentkino verschafft wird. Zum Schluß wie erwähnt: Dogma 95. Eine bewußt ins Leben gerufene Bewegung dänischer Widerstandskämpfer, die sozusagen aus der Ablehnung des zuvor im Buch vorgestellten amerikanischen Spektakelkinos und aus der Neuinterpretation der politisch geprägten Filme aus den 1960er und 1970er Jahren entstand und damit ein perfektes Finale bietet.

Und schon hat man das im Verlag Schüren erschienene Buch zugeschlagen und will mehr erfahren. Ein Einführungswerk könnte nicht mehr leisten. 2009-07-27 11:37

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