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CINEMA 54: Stadt

Cinema – unabhängige Schweizer Filmzeitschrift: Stadt. 54. Jg. Marburg: Schüren 2008. 209 Seiten. 22 Euro.

Der städtische Raum

Von Christian Lailach Stadt und Film. Da treffen sich zwei, die eines verbindet: ein Mikrokosmos. Jeder Film hat seinen eigenen inne, mehrere Personen verknüpft durch eine ganz konkrete Geschichte, als Grenze die Leinwand, der sie nicht entsteigen können. Ähnlich verhält es sich mit der Stadt. Viele Menschen, die alle mehr oder minder das gleiche tun, sich begegnen, bald näher kennen und die alle meist nur eines verbindet. Der Raum in dem sie sich bewegen, scheinbar grenzenlos und letztlich doch umbaut. Die Stadt.

Ihr widmet die schweizer Jahreszeitschrift »Cinema« ihr 54. Heft und nähert sich der Stadt aus unterschiedlichen filmischen Perspektiven. Von den Städten der Liebe bis zur Bedeutung der städtischen Topographie, vom realen bis hin zum generierten Stadtbild - immer nah an Filmen oder zumindest mit Bezug aufs Genre. Zwischen die Vielfalt der Themen mischen sich mit »Momentaufnahmen« verschiedene Kurztexte, Gedankenblitze und Erinnerungen der Autoren an städtisches Treiben mit legererem Filmbezug. Oder andersrum. Neben Bea Lauper und Roland Zemp, die städtische Filmstills und innere wie äußere, reale Stadtansichten durch Doppelbelichtung zu einer diffusen Collage verschmelzen, bringt Uwe Lützen ein dokumentarisches Drehbuch aus Züris Tramalltag. Auf unterschiedliche Ausdrucksformen wird seitens der schweizer Redakteure demnach genauso viel Wert gelegt, wie auf den kleinen Appendix namens »Sélection Cinéma«, der schweizer Produktionen der letzten Jahre bespricht und damit ein umfangreiches wie aktuelles Abbild des nationalen Filmschaffens darstellt. Die »Sélection« entsteht dabei über das Jahr im Internet und ist dort mit weit mehr als 400 archivierten Besprechungen ein verstecktes Kleinod des Netzes.

Die eidgenössische Selbstverliebtheit ist denn auch das, was hie und da ein wenig irritieren mag. Zumal sie immer dabei ist, die Schweiz; falls einmal nicht offensichtlich, dann zumindest unterschwellig. Dies gehört dazu und ist, sofern es analytisch geschieht, keineswegs narzißtisch. Die Schweizer, wenn auch nicht gerade auf dem Gebiet der Stadt- und Raumplanung, jedoch generell im Bereich der Architektur und Kunst auf gewisse Art konservativ experimentell, gelten durchaus über Grenzen hinweg als richtungweisend. Doch wenn die Autorin mal ein halbes Jahr in London verbringt und der Hollywoodschen Orientierung und fehlenden Authentizität der britischen Metropole spürbar die Individualität des Alpenländles entgegensetzt, mag dies zwar begründet und gar passend sein, doch droht genau diese heimatliche Überhebung, ein wenig die Rezeption zu schmälern. Was schnell dazu führt, der Betrachtung aus filmwissenschaftlichen Blickwinkeln den Vorrang zu geben. Dies ist auch das Widersprüchliche bei dem Projekt, schließlich bietet es ob seiner Vielfalt eine Fläche für Betrachtungen über den filmischen Ansatz hinaus. Doch von den gut ein Dutzend Essays stammt eine einzige Autorin dem nicht-filmischen Bereich. Sabine Wolf ist Raumplanerin (im Sinne eines Stadt-Landschaft-Umwelt-Raumes) und betrachtet »Die urbane Landschaft in den Filmen der Berliner Schule«, wobei sie ohne das Feuerwerk an Namen von Filmen und Regisseuren auskommt, das andernorts wartet und stattdessen Interdisziplinäres vermittelt. Genau an dieser Schnittstelle finden sich Fachfremde wieder und den Bezug zum Film und der Film Wege zu anderen Wissenschaften, denn schließlich ist »Stadt« weit mehr als umbauter Raum mit ein paar Menschen darin.

Auch wenn die Auseinandersetzung mit anderen Fachrichtungen durchaus intensiver stattfinden könnte, ist »Cinema« ein Projekt, das seinesgleichen sucht und schon allein aufgrund der thematischen Vielfalt und vor allem inhaltlichen wie gestalterischen Liebe, mit der es aufgelegt wird, zuletzt doch nicht ausschließlich filmwissenschaftlich Interessierte begeistern sollte. 2009-07-20 11:36

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