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The Invisible Cut

Bobbie O’Steen: The Invisible Cut. How Editors Make Movie Magic. Studio City 2009. Michael Wiese Productions. 352 Seiten. 30 Dollar.

Movie Magic für Schnittanfänger

Von Oliver Baumgarten Bücher über Schnitt und Montage gibt es in Deutschland nur wenige. Wer also über die Standards Hinausgehendes lesen und neue Impulse finden möchte, der muß schon auf Englischsprachiges ausweichen. Frisch erschienen ist in den USA beispielsweise »The Invisible Cut« von Bobbie O’Steen – ein Name, der aufhorchen läßt. Denn Bobbie O’Steen ist nicht nur die Tochter des Schnittmeisters Richard C. Meyer (Butch Cassidy and the Sundance Kid, Winning), sie ist zudem selbst emmynominierte Editorin und zu allem Überfluß auch noch verheiratet mit dem legendären New-Hollywood-Editor Sam O’Steen (The Graduate, Rosemary’s Baby, Chinatown).

So viel geballte familiäre Schnittkompetenz hebt natürlich die Erwartungen, deutet aber auch in eine Richtung, die sich gleich im ersten Teil des Buches komplett bestätigt: Das Werk behandelt ausschließlich das US-Kino, und auch der Schreibstil scheint durch und durch für den amerikanischen Markt konzipiert. Kurze Sätze, klare Sprache und möglichst in simplen, griffigen Motti formuliert wie etwa: »Always cut for a reason« oder »Keep tracking the emotional impact«. In diesem Tagungsstil geht’s in solchem Eiltempo durch die Grundbegriffe von Filmanalyse und ästhetischer Regelkunde des ersten Buchteils, daß einem beim Lesen der Fahrtwind Tränen in die Augen treiben will.

Hat man aber erstmal das schulterklopfende Ratgeber-Englisch, das einem unerläßlich einen motivierenden Ton einzuimpfen sucht, hinter sich, wird’s im zweiten Teil endlich konkret. Hier nämlich analysiert Bobbie O’Steen anhand von acht populären, bezüglich des Genres differierenden Hollywoodproduktionen, wie Editoren ihre »Movie Magic« entfalten. Dabei konstruiert sie ihre Analysen anhand von zahllosen Screenshots und Szenenbeschreibungen und versucht so, dem Leser visuelle Kniffe verständlich zu machen. In diese übersichtlich strukturierten Texte mischt O’Steen zudem immer wieder O-Töne beteiligter Editoren und anderer Kreativer, die sie mal aus eigens geführten (etwa mit Carol Littleton), mal aus woanders exzerpierten Interviews gesammelt hat. Mit diesem sehr anschaulichen Ansatz gelingt es streckenweise durchaus, dem üblichen Problem zu begegnen, Schnitte und Montagen in Standbildern wirkungsvoll darzustellen. Trotzdem ist es mehr als hilfreich, die analysierten Filme wie Twelve Angry Men, The French Connection oder Rear Window präsent zu haben, um einen tatsächlichen Nutzen aus dem Text zu ziehen. Das Buch richtet sich insgesamt eindeutig an Schnittanfänger und schafft es zwischendurch sogar, die zu Beginn versprochene Begeisterung einzulösen. Fortgeschrittenen sei zum Genuß aber empfohlen, den ersten Teil zu meiden. 2009-07-13 10:15

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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