— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

James Bond: Genese einer Kultfigur

Torsten Reitz: James Bond – Genese einer Kultfigur. Marburg 2009. Tectum Verlag. 450 Seiten. 29,90 Euro.

Ein paar Zeilen über Englands schicksten Beamten

Von Kristina Schilke Alles fängt bei der Bibel an. Seitenweise zitiert Torsten Reitz aus der Offenbarung des Johannes, in der das Jüngste Gericht mit all seinen negativen Folgeerscheinungen auf die Endzeit-Welt zusammenbricht: Drachen, mehrköpfige Monster und all das, was der Teufel auf der Erde sein kann. Er ist in der Lage, viele Gestalten anzunehmen, und alle sind sie abscheulich. Austauschbarkeit kennzeichnet das Böse in der Bibel. Darin sieht Reitz eine klare Parallele zu den Bondromanen: Nicht nur sind die Bösewichte in ihrem allumfassenden Größenwahn ähnlich böse, ihr Äußeres kennzeichnet sich auch konstant durch anormale Häßlichkeit oder/und unmenschlich wirkende Absonderlichkeit.

Wer die literarischen Ursprünge einer Kultfigur wie den durch den Autor Ian Flemming geschaffenen britischen Geheimagenten James Bond bei der Bibel verortet, der kann im folgenden auch nicht mit großen Schritten dem Mythos und den Hintergründen Bonds nachkommen. Dementsprechend geht Torsten Reitz in seinem Buch »James Bond – Genese einer Kultfigur« mit einer schon als manisch zu bezeichnenden Detailtreue ans Werk und zerlegt sowohl den literarischen als auch den filmischen Bond in alle nur möglichen und unmöglichen Kleinstbestandteile. Dabei kommen in höchstem Maße interessante Querverweise ans Licht, wie Reitz’ Behauptung, die einzelnen Bond-Romane können alle jeweils auf ein Sprichwort, als das vorliterarische Ursprungswerkzeug des Erzählens, heruntergebrochen werden. Demnach würde für »From Russia with Love«, in der eine Doppelagentin für die Sowjetunion Bond anlocken soll, der Spruch »Venture a small fish to catch a great one« gelten, und »Casino Royale«, in dem sich Bond zwischen seinem Geheimdienst und seiner Liebe fast verliert, könnte mit »No man can serve two masters« zusammengefaßt werden.

Sind hier schon manche der Ansicht, das sei zu weit gedacht für die Analyse einer der schicksten Kultfiguren, die unsere Populärkultur zu bieten hat, so scheint Reitz diese Skrupel nicht im mindesten zu verspüren, er geht noch etliche Schritte weiter. Nicht nur dröselt er auf mehreren Seiten Bondbücher auf nach den vom russischen Folkloristen Vladimir Propp entwickelten Märchen-Handlungsprinzip, das das Sezieren klassischer Märchengeschichten erleichtern soll. Auch gibt Reitz auf 14 Seiten den »Exkurs: Die historisch-politische und gesellschaftliche Ausgangslage Großbritanniens vor und nach dem Zweiten Weltkrieg«. Irgendwann wird klar ersichtlich: Die Recherchier- und Analysierlust des Autors ist schier unerschöpflich.

Der Katalog an ernstzunehmenden, banalen bis gesellschaftlich relevanten Hintergründen, wie der Behauptung, bei Bond handele es sich lediglich um einen höheren Beamten in einer zeitlich begrenzten Luxussituation des Doppel-Null-Status, ist in etwa so lang wie Reitz’ Sätze, in denen er gewissenhaft und gefaßt alles über Bond notiert: Was man schon immer wissen wollte oder auch nicht wissen wollte und sich deshalb nie zu fragen traute. Zum Beispiel, was Bond zum Frühstück mag. Die Antwort lautet: Spiegeleier, auf beiden Seiten gebraten, einen frisch gepreßten Orangensaft und einen starken, am besten italienischen, Kaffee. Und in eben dieser Detailversessenheit und dem Umgang damit liegt auch das Hauptproblem: der viel zu ernstgemeinten Wissenschaftlichkeit dieser Arbeit. Nachzusehen ist dem Autor, daß es tatsächlich eine Art verselbständigte Magisterarbeit ist; die Frage verleibt jedoch, wieso für die Veröffentlichung keine das Lesen erleichternden Änderungen vorgenommen wurden. Denn in der vorliegenden Version wird der Gestus des wissenschaftlichen Schreibens bis in alle die Nerven reizenden Aspekte hinein erfüllt: präzise geführte wissenschaftliche Fußnoten mit Literaturverweisen, eine Sprache, die bald aufbricht aufgrund ihrer Trockenheit und kein einzelner Funke Ironie in diesem Dickicht aus langen Universitätssätzen.

Besonders negativ fällt die penetrante Humorlosigkeit von Reitz’ Schreibstil bei den Passagen auf, die sich mit Bonds sinnlicher Seite beschäftigen. Und ewig lockt da das Bondgirl mit seinen fleischlichen Verheißungen. Denn sobald Reitz, ohne mit der Wimper zu zucken, vom »Vollzug des Geschlechtsverkehrs« spricht oder Sätze anbringt wie »James Bond und Tatiana Romaova werden in From Russia with Love beim Geschlechtsverkehr gefilmt«, steigt man als Leser vor unwillkürlicher Lächerlichkeit dieser Textpassagen aus. Doch trotz alldem oder beinahe unabhängig von alldem kann man diesem Buch auf keinen Fall seinen Status strittig machen, nämlich dem als bislang und wohl noch auf sehr lange Zeit umfangreichsten, am weitesten gefächerten und am akkuratesten recherchierten Sachbuch über Bond, James Bond.
2009-06-29 10:27

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap