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Montage/AV: Immersion

Montage/AV – Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation: Immersion. Ausgabe 17/2/2008. Schüren Verlag. 188 Seiten. 12,80 Euro

Ein fremdes Wort für ein bekanntes Gefühl

Von Ines Schneider Verständlich und lebendig über einen Prozeß zu schreiben, der sich lediglich in der Gedankenwelt abspielt, ist keine leichte Aufgabe. Eine Ausgabe der »montage AV« (der Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation) ist ganz dem Phänomen der Immersion, dem Nacherleben einer dargestellten Situation, gewidmet. Die Autoren betrachten aus ganz verschiedenen Perspektiven, unter welchen Umständen wir uns mental und emotional in ein Geschehen hineinziehen lassen und was dabei in unserem Kopf vorgeht.

Die Herausgeber Robin Curtis und Christiane Voss spüren zunächst den Ursprüngen des Begriffs nach. Da »immersion« im Englischen auch im allgemeinen Sprachgebrauch für das Ein- oder Untertauchen in tiefem Wasser steht, hat sich hier der Ausdruck als Umschreibung für die Einlassung auf ein Thema oder eine Fiktion durchgesetzt. Einem deutschsprachigen Leser fehlen diese Assoziationen, er könnte sich unter einer »Sogwirkung« vielleicht mehr vorstellen, als unter der nicht sehr eingängigen Übersetzung »Immersion«.

Raymond Fielding nähert sich der Immersion von außen. Er führt den Leser in die Welt der Jahrmärkte und Attraktionen. Auch wenn um Neunzehnhundert der Begriff »Freizeitpark« noch nicht geläufig ist, ist das Schaugeschäft bereits ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig, in dem die Investitionen und die Einnahmen scharf kalkuliert werden und sich erfinderische Techniker die Patente an neuen Formen sichern, um immer perfektere Illusionen herzustellen. Hier sind die »movie«- oder »phantom rides« ein einträgliches Geschäft: Aufnahmen von Zugfahrten werden mit einem als Zugabteil dekorierten Zuschauerraum kombiniert, der zusätzlich im Takt der Fahrt bewegt werden kann und so das Gefühl einer realen Zugfahrt erweckt. Eine ähnliche Methode verblüfft in Disneyland noch heute die Besucher, denen der Start eines Space Shuttles vorgegaukelt wird.

Die Funktionsweisen der menschlichen Wahrnehmung, die Immersion erst möglich machen, untersucht Ute Holl. Sie macht deutlich, wie leicht unsere Sinne zu täuschen sind, eine Tatsache, die auch in den anderen Beiträgen immer wieder deutlich wird. Wir sind erstaunlich schnell bereit, uns Räume und Gegenstände einzubilden, die nicht existieren. Christiane Voss betrachtet die emotionale Seite der Immersion, die verschiedenen Arten, sich auf die Darstellungen der Medien einzulassen. Auch wenn kein Zweifel daran besteht, daß das Dargestellte reine Fiktion ist, läßt sich der Zuschauer in unterschiedlicher Weise davon ansprechen. Er kann beispielsweise eine Szene nachempfinden, weil sie ihm bekannt vorkommt, er kann jedoch auch von ihr fasziniert sein, weil sie ihm bisher völlig fremd war oder auch eine Situation ausleben, die nur durch die Technik der Wiedergabe möglich ist.

Doch was unterscheidet den Zustand der Immersion von dem unserer allgemeinen Aufmerksamkeit der Umwelt gegenüber? Werner Wirt und Matthias Hofer setzen sich mit unserem Verständnis von »Präsenz« auseinander. An welchem Punkt verläßt unser Bewußtsein die »reale« Welt und findet sich in der fiktionalen wieder? Und wann, fragt sich ihre Kollegin Britta Neitzel, ist es uns nicht mehr genug, »live dabei« zu sein? Wann wollen wir in das Geschehen, das wir uns bis ins Wohnzimmer geholt haben, auch aktiv eingreifen?

In einigen Beiträgen wiederholen sich die Informationen, was aber nicht verwunderlich ist, denn ein solch abstraktes Thema läßt sich wohl nur mithilfe von Berichten über wackelnde Sitzreihen und Surroundeffekte beschreiben oder anhand von Beispielen aus Kunst und Literatur wie Marcel Prousts Madelaine oder ihrem digitalen Zitat im Film Ratatouille von Brad Bird. Leider begibt sich die Diskussion dieses schwer faßbaren Themas, obwohl die Argumentationen und die Folge der Beiträge nachvollziehbar aufgebaut sind, oft auf ein so hohes wissenschaftliches und sprachliches Niveau, daß die Texte wohl nur im Kreise von Fachleuten Leser finden werden. Dabei wären die Erkenntnisse der Autoren für Medienschaffende, die alle hart um die Aufmerksamkeit der Rezipienten konkurrieren, von einigem Wert. Denn, und darin sind sich die Verfasser einig, wenn eine künstliche Welt nicht auf irgendeine Art unser Interesse weckt, dann werden wir nicht in sie eintauchen, gleichgültig, wie raffiniert die Mittel sind oder wie aufwendig die Technik ist. Daß die Filmindustrie gerade wieder einen neuen Anlauf nimmt, das 3D-Format zu perfektionieren und als Zukunft des Kinos zu vermarkten, beweist, daß der Vorgang der Immersion kein theoretisches Konstrukt ist, sondern ein tiefsitzendes Bedürfnis, ein täglich erlebter Vorgang und ein gut verkäufliches Abenteuer.
2009-06-22 10:35
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