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Kommunikation – Gedächtnis – Raum

Moritz Csáky, Christoph Leitgeb (Hg.): Kommunikation – Gedächtnis – Raum. Kulturwissenschaften nach dem »Spatial Turn«. Bielefeld 2009. transcript Verlag. 176 Seiten. 18,80 Euro.

Theorie wird Praxis

Von Nicole Ribbecke Kulturwissenschaftler aller Nationen werden schlicht und einfach nicht müde, ihre nunmehr jahrelang andauernde Paradigmendiskussion fortzuführen. Der »Spatial Turn« wirft immer differenziertere Fragen auf und gibt ihnen somit eine schier endlos scheinende Diskussionsgrundlage, auf der das Geschehen, bei dem einem Ort nicht nur eine geographische, sondern eine zum Teil hochgradig ideologische Bedeutung beigemessen wird, von verschiedenen Standpunkten aus verhandelt wird. Eine solche Verortung naturalisiert kulturelle Bedeutung, Kultur wird performativer Kommunikationsraum.

Einige dieser Standpunkte finden sich versammelt in der Agglomeration von Beiträgen der 9. Internationalen Konferenz des Forschungsprogramms »Orte des Gedächtnisses« der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Moritz Csáky und Christoph Leitgeb zusammengetragen haben. So weitreichend der Gegenstand des Interesses anmutet, so weit auch das Feld der zu Wort kommenden Angehensweisen. Nur eines ist gewiß: die Absage an eine essentialistische Vorstellung von Kultur und Raum sowie das Transzendieren einer nationalen Festschreibung von Kultur.

Den hochgradig hypothetischen Untersuchungen, die Skeptiker der Kulturwissenschaften als zähen Brei abtun dürften, lassen Csáky und Leitgeb ein erleichterndes Aufatmen folgen, nämlich Denkschriften zur Inszenierung des Raums. Wesentlich zugänglicher als die vorangegangene Theorieexplosion wird im folgenden konstituiert, wie in Musik, Literatur und auf der Theaterbühne ästhetische Verfahrensweisen Mechanismen der Koppelung von Raum und Bedeutung ausstellen. Insbesondere fungieren Fotographie und Film als mediales Pendant zur Ergründung des Raums des Bewußtseins durch die Entdeckung des Unbewußten. Raum und Zeit können dort nur verschränkt miteinander gedacht werden. Inwieweit die Genese des Filmischen mit jener des Raumzeitparadigmas auf das engste verknüpft ist, wird durch Michaela Ott auch dem hartnäckigsten Theorieskeptiker nahegebracht. Nach der Erwähnung relevanter Filmtheoretiker zu Wahrnehmungsmodifikationen und Eröffnung neuer Raumdimensionen, die dem Medium Film einen ethischen Status verleihen, veranschaulicht sie anhand von Beispielen die Dekonstruktion konventioneller Raumgestaltung durch künstlerische Metamorphosen. Die nur quasi-taktilen Raumwahrnehmungen eines Michelangelo Antonioni in Form von Artikulationen psychischer Verstörung werden von ihr ganz richtig und einleuchtend als Affekt der Desorientierung und existentieller Haltlosigkeit eingestuft. Abschließend klagt sie erneut eine Entwicklung der Durchlässigkeit von Grenzen rivalisierender Kulturräume ein – eine Forderung, die nicht nur Filmwissenschaftler etwas angeht.

Wenn sich in dieser Textsammlung Soziologen, Geschichtskundige und Angehörige weiterer Disziplinen um die Frage winden, wie geographischen und historischen Räumen Bedeutung zugeschrieben wird, bleibt es demnach nicht bei theoretischen Ergüssen, sondern geht hin bis zu Konsequenzen für das Raumparadigma Zentraleuropa mit seinen hybriden Kommunikationsräumen und komplizierten Netzen interferenzieller Gedächtnisorte. Der Hinweis darauf, daß die Schweiz mit dem ihr immanenten Pluralismus eine Vorbildwirkung für ein plurizentrisches Europa einnehmen könnte, spült bereits an Ufer politischer Praxis.
2009-06-15 11:08

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