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Brinkmann: Schnitte im Atemschutz

Karl-Eckhard Carius (Hg.): Brinkmann. Schnitte im Atemschutz. München 2008. edition text und kritik. 191 Seiten. 34,- Euro.

Splitter eines Autors

Von Cornelis Hähnel Rolf Dieter Brinkmann war ein Grenzgänger zwischen Literatur und Bildender Kunst, zwischen subjektivem Empfinden und objektiver Genauigkeit, zwischen Ikone und Provokateur. Dafür wurde er verehrt und gehaßt, gelobt und verteufelt, war selbst verletzend und verletzlich. Doch Brinkmann einzig als Schriftsteller fassen zu wollen, greift zu kurz. Sein Werk ist auch immer ein Versuch gewesen, die Literatur auf eine andere (die der Fotographie oder dem Film ähnliche) Ebene zu heben. Ein Versuch, Sprache zu Bildern zu verdichten.

»Schnitte im Atemschutz« ist Teil des groß angelegten »Projekts Rolf Dieter Brinkmann« und ein Plädoyer für eine Skulptur zu Ehren des Autors in seinem Geburtsort Vechta. Eine Reihe illustrer Kenner und Kritiker wie Elfriede Jelinek, Bazon Brock, Klaus Theweleit oder Jörg Schröder haben sich für den Band mit Brinkmann auseinandergesetzt. Dabei liegt der Fokus auf Brinkmanns Positionierung gegenüber der Welt, seiner subversiv-kreativen Dynamik und der hohen Sensibilität seines Werkes. Letztlich ist diese Konzentration nicht verwunderlich, denn als Person schneidet Brinkmann weitaus weniger gut ab. So beschreibt ihn beispielweise Marcel Reich-Ranicki in einem Brief an Karl-Eckhardt Carius als »ungewöhnlich ordinären und abstoßenden Mensch […]. Sein Verhalten ändert nichts an der Tatsache, dass er ein Schriftsteller mit Talent war.« Peter Handke erinnert sich an ihn als eine fordernde Person und Dieter Wellershoff erzählt von Haßausbrüchen und Beschimpfungen Brinkmanns bei einem Sommerfest des Verlages.

Rolf Dieter Brinkmann war in den 1970er Jahren die Galionsfigur der leichtfertig unter dem Schlagwort »Neue Subjektivität« subsumierten Literaturszene. Doch mehr als die thematische Rückkehr zur verwaisten Innenwelt kann kaum als charakteristischer Allgemeinplatz dieser »Bewegung« gelten. Mögliche Gründe für diese Tendenzwende gibt es viele, vor allen Dingen wird immer wieder das Scheitern der 68er-Bewegung, die fortschreitende Verunsicherung der Wohlstandsgesellschaft durch aufkommende Arbeitslosigkeit und eine fehlende rettende Utopie herangezogen. Festzuhalten ist aber eine Katerstimmung auf politischem und kulturellem Gebiet in dieser Zeit, die zu einer erkennbaren Zunahme der Beschäftigung mit dem Ich führte.

Gerade Brinkmann fühlte sich zunehmend von der Masse in seiner Individualität bedroht, versucht sich gegen das Empfinden, bedeutungslos zu sein, zu wehren. Immer stärker rückte er die subjektive Wahrnehmung in den Mittelpunkt seines Schaffens. Seine Collagebücher waren der Versuch, die Reize der urbanisierten und mediatisierten Umwelt als Ursache der Überflutung bzw. der Verstümmelung der Sinne und des Körpers zu definieren und zugleich ihre erdrückend gewordene Quantität darzustellen. In präziser Analogie arbeitete er in seinen Collagen und seiner Lyrik – in Anlehnung an Kerouacs Konzept der »bookmovies« – die dramatische wie exemplarische Krise der Wahrnehmung in der motorisierten, elektrifizierten Realität heraus, den indifferenten Schwindel und das Verschwinden der Welt und des Selbst im Zustand des Rausches. Für Brinkmann war das Gleichgewicht zwischen Anspruch auf objektive Kontrolle und zwanghaftem Wunsch des Einverleibens der Bilderwelt verlorengegangen, er beklagte sich über die »Sucht der Augen, zu sehen, das Gefräßige der Wahrnehmung«. Wie ein anachronistischer Flaneur durchstreifte er das Leben der Großstadt, in der er die Realität fortwährend entstrukturiert und deformiert vorfand und beklagte, daß das Bewußtsein nur noch Splitter der Außenwelt erfahre. Das Empfinden der Auflösung und Entrealisierung der Gegenwart wurde zum wichtigsten Stilmittel Brinkmanns, schriftstellerische Grundregeln wie Erzählhaltung, räumlich-zeitliche Gliederung, Symbole und Metaphern gerieten außer Betracht. Der Schlüsselbegriff zu seinem Bildverständnis ist die Oberfläche und die damit verbundene Reklamation von Erkenntnistiefe: »Je weniger etwas Bedeutung hat, desto mehr ist es es selbst und damit Oberfläche und allein Oberflächen sind tief.« Und so wurden gewöhnliche, alltägliche Dinge zu seinen literarischen Objekten, das Zerschlagen von Zusammenhängen, das Verhindern von gleichmäßigem Lesen, der Medienwechsel und die forcierte Zergliederung und Isolierung von Bedeutungen zu seinen Charakteristika. Ein Regisseur, Kameramann und Editor hinter der Schreibmaschine. 1975 starb er mit nur 35 Jahren bei einem Autounfall in London, als er, ohne sich umzuschauen, die Straße überqueren wollte. »Da ist ein guter Pub« sollen – so die Legende – seine letzten Worte gewesen sein.

Neben Erinnerungen an und einigen Anekdoten über den als übellaunig verschrienen Brinkmann von damaligen Weggefährten oder flüchtigen Begegneten ist »Schnitte im Atemschutz« vor allen Dingen auch eine Sammlung persönlicher Blicke auf die Brinkmann-Rezeption und den künstlerischen Einfluß des Querliegenden. Eine Mischung aus Meinung und wissenschaftlicher Analyse, aus Erinnerungssplittern und Anerkennungsfetzen. Unterstrichen wird dies durch den collagierten Aufbau des Buchs: Der diagonal auf- und absteigende Satz der Texte und die zwischengeschobenen, autonomen, farbigen Module innerhalb des Buches sind ein deutlicher Verweis auf das Arbeitskonzept Brinkmanns und zugleich eine Hommage an seine intendierte Destruktion tradierter Wahrnehmungsmuster. Ein Versuch, sich dem schwierigen Autor auch als Person zu nähern und doch den Fokus auf seinem künstlerischen Schaffen, dem Prinzip Brinkmann, zu belassen. Und bis in Vechta ein Denkmal steht, soll dieses Buch stellvertretend fungieren: als eine Plastik, in Papier gebunden.
2009-06-02 10:14

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