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Waltz With Bashir

Ari Folman, David Polonsky: Waltz with Bashir. Eine Kriegsgeschichte aus dem Libanon. Zürich 2009. 128 Seiten. 22,- Euro

Autobio-Graphic Novel

Von Daniel Bickermann Der Comic zum Dokumentarischen Animationsfilm Waltz with Bashir, den Folman und Polonsky (der auch Chef-Illustrator für den Film war) hier vorlegen, bewegt sich am Schnittpunkt zweier derzeit sehr lebendiger graphischer Traditionen. Da ist zum einen die Strömung des persönlich-politischen und gerne auch autobiographischen Konfliktcomics, den der noch immer unerreichte Meister des Genres Joe Sacco vor fast zwei Jahrzehnten mit seinen gezeichneten Kriegsgebietsreportagen »Palestine« und »Safe Area Gorazde« etablierte und die seitdem von Autoren wie Harvey Pekar und Heather Roberston in »Macedonia« oder von der Israelin Rutu Modan mit »Exit Wounds« fortgeführt wurde. Dieses Untergenre des autobiographischen Dokumentarcomics, den einst Harvey Pekar mit seiner »American Splendor« revolutionierte und das derzeit Craig Thompson mit seinen Kindheitserinnerungen und Reisetagebüchern zum erfolgreichsten Comicautor seiner Generation gemacht hat, ist inzwischen so populär, daß Anthony Lappe mit »Shooting War« sogar eine futuristische Satire darauf verfassen kann, ohne die immense politische Sprengkraft des Genres außen vor zu lassen: eine fiktive Irakkriegsreportage aus dem Jahr 2011, die für einiges Aufsehen gesorgt hat. Insofern mögen Folmans gezeichnete Erinnerungen an den Libanonkrieg zurecht als filmische Revolution begrüßt werden – im Comicbereich gibt es seit Jahrzehnten vergleichbare und sogar noch gewagtere Projekte.

Die zweite Tradition, in die sich das jetzt erscheinende Buch einreiht, ist die des Comics zum Animationsfilm. Im Gegensatz zum simplen »Comic zum Film«, den jede Superheldenvariante und gerne auch mal populäre Filme wie Fluch der Karibik erlebt und der manchen Filmemachern wie Darren Aronofsky oder Joss Whedon schon mal zur Korrektur oder Weiterführung von Film- und Fernsehwerken dient, hat ein Comic zum Animationsfilm eine faszinierende mediale Genese hinter sich. In der »Schnitt«-Ausgabe Nummer 46 hat sich bereits Marc Hillefeld zu diesem Genre geäußert, in dem tatsächliche Filmbilder ausgewählt, neu kadriert und nicht selten dramaturgisch ummontiert und mit Bewegungs- und Geräuschzeichen, mindestens aber mit Sprechblasen, versehen werden. Es ist eine kuriose mediale Adaption, bei der die gefühlte Geschwindigkeit, der Rhythmus der Erzählung, Plot Points und Figurensympathie noch einmal ganz neu verhandelt werden müssen. Hayao Myazaki beispielsweise ist berühmt dafür, die Transformation seiner Filme in mehrbändige Manga-Comics noch höchstselbst zu überwachen – in Japan ist diese mediale Transformation für einen Animationsfilm ein ebenso selbstverständlicher wie wichtiger Marketingschritt.

Diese Kunst der Filmadaption zum Comic nun wird bei der Graphic Novel »Waltz with Bashir« etwas vernachlässigt. Das Buch klappert die wichtigsten Momente und Schauplätze des Films ab und schreibt die Dialoge praktisch verbatim nach – das befriedigt die Klientel, die sich den Film mit Hilfe der Bilder und Texte erneut vor Augen holen möchten. Doch als reiner Comic überzeugt das Buch nur bedingt. Ohne den im Film so prägenden Soundtrack beispielsweise, ohne die abrupten Wechsel zwischen Stille und Lärm, zwischen Stillstand und Aktion, zwischen flüssigen Bildern und harten, schnellen Schnitten, kurz: ohne jegliches stimmungprägendes Element außer Farbe und Text bleiben die Bilder seltsam kraftlos. Das soll keineswegs bedeuten, daß Polonsky, nach dessen Storyboards sich dieser Comic richtet, nichts von Comicdramaturgie versteht. Im Gegenteil: Innerszenische Kohärenz ist ebenso gegeben wie einige mutige Neukadrierungen. Doch zu viele Szenen werden einfach abgehandelt, zu selten trauen sich die Macher, vom Film wenigstens in Form einer »Mehrfachbelichtung«, einer Kaderauflösung oder gar einer Neumontage abzuweichen, zu wenig Geduld gibt es für langsame Szenen, sich atmosphärisch zu entfalten. Die meisten Sequenzen erhalten zu wenig Raum, um atmen zu können und eine eigene Bildstimmung aufzubauen – der grotesk tragikomische Moment beispielsweise, in dem Folman den viel zu kurzen Heimaturlaub der russischen Truppen im Zweiten Weltkrieg als überspitzten Bahnhofsmoment inszeniert, ist in der hier vorliegenden Version fast vollständig verloren. Nur so aber hätte man den Bild-, Ton- und Rhythmussog des Films in einen reinen Bildsog des Comics umwandeln können. Immerhin geht hier ein interessantes mediales Experiment in die nächste Verwandlungsstufe, auch wenn das rein graphische Medium nur die halbe Filmkunst abbilden kann.
2009-05-14 10:07
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