— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Welt hasst mich

Takeshi Kitano: Die Welt hasst mich. Frankfurt am Main 2006. Angkor Verlag. 120 Seiten. 12,- Euro.

Warum ich Frauen trotzdem mag

Takeshi Kitano: Warum ich Frauen trotzdem mag. Frankfurt am Main 2004. Angkor Verlag. 100 Seiten. 9,90 Euro.

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

Von Werner Busch Wenn Götter von deutschen Leinwänden runtersterben, ist das mitunter eine sehr leise und intime Angelegenheit. Größere Ausrufe der Verwunderung sind zumindest darüber ausgeblieben, daß es ausgerechnet nach seinem kommerziell erfolgreichsten Film Zatoichi – der blinde Samurai in deutschen Landen so ruhig um das Multitalent Takeshi Kitano geworden ist. Die Egozentrik und die Verspieltheit seiner jüngsten drei Filme – insbesondere in dem beinahe schon unanständig Ich-Bezogenen Takeshi’s – scheinen dazu geführt zu haben, daß selbst ein klangvoller Name für die Verleiher nicht mehr ausreichend ist und Import-DVDs zum teuren, letzten Strohhalm hiesiger Jünger wurden. Schon 1997 gab es für diese Fans einen Namen, den eine »französische Kritikertante« Kitano bei einem Interview enthüllte: »Es gibt regelrechte maniacs, die wie verrückt hinter deinen Filmen her sind. Man nennt sie Kitanisten. Deine sämtlichen Filme sind Kult. Aber dieser Film toppt alle, mit ihm wurden neue Maßstäbe gesetzt.«

Dieser Film war natürlich Hana-Bi, der vielbeachtete und -gelobte Gewinner des Goldenen Löwen 1997. Und wie sehr sich der Regisseur Kitano Takeshi über diesen Preis freute, und was der Mensch Beat Takeshi von dessen Freude hielt, läßt sich aus dem Werk des Schriftstellers Beat Takeshi Kitano mit dem schönen Titel »Die Welt hasst mich« erfahren. In Japan bereits 1998 erschienen, schildert Kitano zeitnah Gefühle, Eindrücke und Anekdoten aus den Tagen, an denen sein Filmschaffen erstmals weltweite Aufmerksamkeit fand. Da der Regisseur, Produzent, Autor, Schauspieler und Schnittkünstler Kitano in Japan aber vorwiegend als Showmaster, Entertainer und Komiker bekannt und geschätzt ist, bildet der Ausflug in die Filmwelt nur einen kleinen Teil dieses Panoptikums aus humoristischen bis ernsthaften Stellungnahmen zu verschiedenen Themen wie z.B. Recht auf Selbsttötung (»Ist es moralisch verwerflich, einen Erhängten noch an den Füßen zu ziehen?«), japanische Jugendliche (»Diese verdorbenen Subjekte sollten wie Erwachsene behandelt werden. Man sollte sie ins Trainingslager der Armee stecken. Und wenn’s da nicht klappt, dann schickt sie zu uns ins Showbusiness«) oder ehrenamtliches Helfertum (»Wenn diese freiwilligen Helfer weiterhin in Mode bleiben, wird das Land untergehen«). Kitanos Ausführungen sind fast ausschließlich sehr japanspezifisch und entweder sehr witzig oder reaktionär-platt. Daher ist auch die Lektüre dieses kleinen Bändchens nicht immer unanstrengend. In jedem Fall hätte sich der westliche Kitanist erhofft, mehr über den Regisseur zu erfahren. Der aber steht gegenüber dem komödiantischem Amateursoziologen Kitano deutlich im Hintergrund.

»Warum ich Frauen trotzdem mag«, ebenfalls bereits 1998 in Japan erschienen, ist eine äußerst zotige Abhandlung zum Thema Frauen. Lediglich das letzte Kapitel gewährt hier unerwartet einige Einblicke in die Zeit nach dem schweren Motorradunfall, der zu einer Zäsur in Kitanos Leben wurde und dessen Eindrücke er in verschiedenartigster Weise in sein Magnum Opus Hana-Bi einfließen ließ. Ansonsten aber überwiegt in dieser Publikation ein Humor, den selbst unsere Großväter für altväterlich befunden hätten. Auch falls sich über Humor nicht streiten lassen sollte, muß man den hier vorherrschenden Herrenstammtischwitzen zumindest Originalität absprechen.

Insgesamt überwiegt bei diesen deutschsprachigen Publikationen also ein zwiespältiges Bild. Zwar bietet »Die Welt hasst mich« besonders zu Beginn eine Reihe wirklich großartiger Schenkelklopfer, doch die im weiteren von Kitano diagnostizierten zeitspezifischen Kulturprobleme Japans dürften lediglich hartgesottenste Fans interessant finden. Von den überaus gekonnt-verspielten literarischen Gehversuchen eines Steve Martin (»Blanker Unsinn«, 2000 bei Goldmann) ist Kitano deutlich entfernt. Zwar muß man dem Angkor-Verlag (der ansonsten auf deutsche Übersetzungen einschlägiger Zen-Literatur spezialisiert ist) Respekt zollen, mit diesen beiden Publikationen die ersten Schriftwerke von Kitano – gerade in der eingangs angesprochenen Dürreperiode – in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht zu haben, andererseits möchte auch ein Kitanist zumindest bei »Warum ich Frauen trotzdem mag« gerne ein Stück vom Mantel des Schweigens zur Hand haben.
2009-05-11 11:06

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap