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Stars und ihre deutschen Stimmen

Thomas Bräutigam: Stars und ihre deutschen Stimmen. Lexikon der Synchronsprecher. Marburg 2008. Schüren Verlag. 416 Seiten. 24,90 Euro

Sprechen auf Film

Von Carsten Tritt Bereits 2003 beschäftigte sich der Thementeil der 29. Ausgabe unseres Filmmagazin mit dem Schwerpunkt Synchronisation, damals ein Schritt zur Aufarbeitung eines schwer vernachlässigten Teils der Filmgeschichte. Seither haben sich auf dem Weg zur Würdigung der unsichtbaren Kunst der Synchronisation zumindest einige weitere Fortschritte ergeben. Im Internet sind die Zahl der Seiten und Foren gewachsen, in denen man sich über die Synchronbesetzungen austauscht – dies ist vor allem eine nicht unerhebliche Quelle für ältere Filme, zumal Besetzungslisten oder Angaben über einen bestimmten Film bearbeitende Synchronstudios oder -autoren kaum zugänglich waren, sofern sie überhaupt existierten. Und auch beim Publikum wächst zumindest das Bewußtsein über die Bedeutung der Synchronisation, wie einige jüngere Beispiele zeigen. Bei Willkommen bei den Scht’is war die deutsche Sprachbearbeitung offensichtlicher Bestandteil der erfolgreichen Werbekampagne zu dem Film. Und bei der kürzlich erfolgten DVD-Veröffentlichung von Barry Levinsons Man of the Year gab es nach Erscheinen der Verleih-DVD dermaßen heftige Publikumsbeschwerden über die (wahrlich dilettantische) Synchronisation, daß Universal sich gezwungen sah, vor Veröffentlichung der Kauf-DVD noch eine neue deutsche Fassung zu beauftragen.

Beschreibt Thomas Bräutigam im Vorwort zur Neuauflage seines Synchronsprecherlexikons die Arbeit an der damaligen Erstauflage von 2001 noch als »archäologisches Projekt«, so erscheint bei der umfassend überarbeiteten Neuauflage eher das Problem, daß der Platz des Buches nicht annähernd ausreicht, um die umfassenden Kenntnisse Bräutigams über das Thema unterzubringen. Man merkt dem Buch an, daß Bräutigam locker drei Bände mit seinem Fachwissen zu füllen in der Lage gewesen wäre.

Er beginnt mit einem 30seitigen Essay über die Geschichte der Synchronisation, das äußerst lesenwert und gegenüber seinem Thema überraschend kritisch ist. Es folgt auf 230 Seiten die lexikalische Vorstellung bedeutender Sprecher von Curt Ackermann (u.a. erster Stammsprechern von Robert Mitchum) bis Wolfgang Ziffer (Roger Rabbit), eine Zuordnung von Filmstars zu ihren Sprechern sowie eine Listung nach Filmtiteln, die um eine dem Buch beiliegende Daten-CD ergänzt wird.

Einzig bedauerlich ist, daß die Sprecherbiographien zum Teil zu knapp gehalten sind, sowie daß – wie ja auch der Buchtitel offenbart – Bräutigam sich auf die Sprecher beschränkt und auf Ausführungen zu Synchronautoren, -regisseuren oder -studios weitgehend verzichtet, wohl ebenfalls aus Platzgründen. Dennoch ist »Stars und ihre deutschen Stimmen« sowohl als Einstieg in die Thematik als auch als Übersicht wärmstens zu empfehlen. Und dem Leser sei geraten, beim zukünftigen Konsum von Filmen auf DVD doch mal hin und wieder zwischen der Originalfassung und der deutschen Bearbeitung zu vergleichen: Mit ein bißchen Glück kann so ein eher müder englischsprachiger B-Film aus den 1950ern oder 60ern erst auf deutsch zu einem rechten Genuß werden, sollte sich dort eines jener Synchronbücher von Manfred R. Köhler wiedergegeben finden, das die Texte zwar recht getreu übersetzt, sie dabei aber mit einem im Original nie vorhandenen Sprachreichtum verziert, oder wenn dort Sprecher wie Siegfried Schürenberg oder Friedrich Schoenfelder zu hören sind, die das Gestammel zurecht vergessener mittelmäßiger Darsteller in filigrane Sprechkunst verwandeln. Es lohnt sich durchaus, sich von Bräutigams Buch bei der Endeckung eines wichtigen Teils deutscher Filmgeschichte ein wenig begleiten zu lassen.
2009-05-04 11:45

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