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Libertas Schulze-Boysen. Filmpublizistin

Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen (Hg.): Libertas Schulze-Boysen. Filmpublizistin (FILM & SCHRIFT 7). München 2008. Edition Text und Kritik. 170 Seiten. 16,- Euro

Frau unter Einfluß

Von Susan Noll Starke Persönlichkeiten haben meistens den Hang zum Tanz auf dem Drahtseil, der ein gewisses Risiko per se beinhaltet. Libertas Schulze-Boysen war sicherlich ein starker Mensch, und in ihrer Zeit mußte sie sich einer ganzen Reihe von Herausforderungen und Gefahren stellen. Geboren 1913 in einer großbürgerlichen, kunstinteressierten Familie, schlägt sie einen Weg zu Zielen ein, die Ehrgeiz und Mut erforderten. Libertas Schulze-Boysen war Filmjournalistin und -kritikerin, eine Frau in einer Männerdomäne, Akteurin im von der Gleichschaltung und Nazipropaganda besonders betroffenen Bereich der Presse und Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle. Als solches wurde sie 1942 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die vielfältigen Fäden ihres Lebens verflechten sich zu einem Netz, das viele Perspektiven für eine wissenschaftliche Betrachtung eröffnet hätte.

Der Band der Reihe »Film & Schrift« hat sich allerdings etwas stark eingeschränkt. Ein einziger Essay soll ausreichen, um die Vielschichtigkeit der Person und des Schaffens Libertas Schulze-Boysens darzustellen. Der Text von Wenke Wegner ist sicherlich gelungen, er stellt die filmpublizistischen Arbeiten in den Vordergrund und versucht, die Texte auf ihre Durchdringung mit Nazipropaganda und redaktionellen Vorgaben hin zu analysieren. Ihre Rolle in der Roten Kapelle, zu deren Kopf ihr Mann Harro Schulze-Boysen zählte, wird nur angerissen, erscheint aber unter dem Blick auf ihre journalistische Herangehensweise an den Film durchaus interessant. Denn in ihren Kritiken, deren Abdruck im Buch den größeren zweiten Teil bildet, offenbart sich immer wieder eine euphorische Fürsprache für die Ideologie der Nazis und auch ein Hang zum Antisemitismus. Hier wären weitere Texte wünschenswert gewesen, die das Verhältnis von Widerstandsaktivitäten und Filmpublizistik deutlicher nebeneinanderstellen. Auch eine Betrachtung aus feministischer Perspektive hätte ihren Reiz gehabt, denn es war zu dieser Zeit mehr als unkonventionell, daß eine Frau ihre Lebensaufgabe in der Arbeit und nicht in der Versorgung einer Familie sah, und diese Ziele auch mit großem Nachdruck verfolgte. Dies alles schneidet der einleitende Text an, kann aber letztendlich nicht umfassend die Persönlichkeit und die Arbeit Schulze-Boysens abbilden und erlaubt damit auch keine Bewertung ihrer Person. Er hinterläßt schließlich nur ein verschwommenes Bild dieser ungewöhnlichen Frau.
2009-04-30 11:30

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