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Film & Licht

Richard Blank: Film & Licht. Die Geschichte des Filmlichts ist die Geschichte des Films. Berlin 2009. Alexander Verlag. 300 Seiten. 34,90 Euro

Das Leuchten in Travis Bickles Augen

Von Ines Schneider In »Film und Licht« richtet Richard Blank seinen Blick auf die Lichtverhältnisse in Filmen aus mehreren Epochen. Was die Beleuchtung eines Settings betrifft, scheinen selbst die kreativsten Regisseure oft recht einfallslos zu sein. Blank zeichnet nach, wie Filmpioniere das Licht nach und nach als Gestaltungselement entdecken und nutzen, wie sich unter dem Druck der einflußreichsten Produktionsfirmen ein bestimmter Beleuchtungsstil durchsetzt und was es für die Wirkung eines Films bedeutet, wenn dieser Stil mißachtet wird. Er strebt eine chronologische Untersuchung der Beleuchtungspraxis in den vergangenen Jahrzehnten an.

Er beginnt bei den schwer beweglichen Scheinwerfern der Stummfilmzeit und den gläsernen Dächern der frühen Filmstudios, die noch keine gezielte Lichtsetzung erlauben. Was die technischen Möglichkeiten noch nicht hergeben, gleichen die Filmemacher mit Einfallsreichtum aus. Der Inhalt von David Wark Griffiths Birth of a Nation mag äußerst fragwürdig sein, doch mit Einsatz von kaschierenden Stoff- oder Blechflächen, Blenden und Rauch werden schon 1915 Hell/Dunkelkontraste erzielt, die eine erste Lichtdramaturgie ermöglichen. Doch bald ist dieser Ideenreichtum nicht mehr gefragt. Die Filme müssen so viele Zuschauer wie möglich ansprechen, und Produzenten fordern eine leicht verständliche, wiedererkennbare Bildsprache. In den späten 1920er und frühen 30er Jahren etabliert sich der »klassische Hollywoodstil«, dessen Formensprache noch heute das Filmschaffen beeinflußt. Nur selten nutzt ein Regisseur den künstlerischen Freiraum, den ihm die moderne Settechnik schenkt. Bei der Inszenierung von Licht und Schatten orientiert man sich nach wie vor am Sonnenlicht oder an einer im Bild vorhandenen Lichtquelle.

Das Licht kann unterstützen, was ohnehin sichtbar ist, es kann durch unerwarteten Einsatz aber auch Irritationen erzeugen, die der offensichtlichen Aussage einer Einstellung zuwiderlaufen. Richard Blank zählt die Merkmale der klassischen Beleuchtung auf, macht ihre Wirkung aber vor allem dadurch bewußt, daß er die Brüche mit der traditionellen Verwendung von Licht ebenfalls detailreich beschreibt. Ein Schlüsselwerk des italienischen Neorealismus, Roma, città aperta von Roberto Rosselini aus dem Jahre 1945, ist, zum Teil aus Geldmangel und zum Teil aus dem Wunsch heraus, sich vom Glanz der zeitgenössischen Produktionen zu distanzieren, roh und wie zufällig beleuchtet. Spätere Werke dieser Bewegung ahmen diese Willkür bereits nach. Die Vertreter des New Hollywood beweisen in einigen Einstellungen, daß sie mit dem herkömmlichen Regelwerk durchaus vertraut sind, nur um die Regeln dann bewußt zu brechen, wie Martin Scorsese 1976 in Taxi Driver, oder sich ihnen weitgehend zu ergeben, wie Francis Ford Coppola, der 1979 in Apocalypse Now den Glamour der aufwendigen Spielfilmproduktionen in einem völlig anderen Kontext auferstehen läßt. Die letzten Kapitel widmet Robert Blank Einzelgängern unter den Filmemachern, die sich dem allgegenwärtigen Diktat der »korrekten« Ausleuchtung entziehen und damit verblüffende Effekte erzielen, wie Lars von Trier oder Wong Kar-wai.

Richard Blank ist ein Filmversessener, der die Kunst der »Lichtspielhäuser« mit ansteckender Leidenschaft betrachtet und analysiert. Kein Schimmer und kein Sternchen scheint seinem Blick zu entgehen, in einem längst vergessenen Werk von Maurice Torneur fällt ihm die Silhouette in einem erleuchteten Fenster genauso auf wie das Licht in den Augen von Travis Bickle. Da Blanks Werk nicht aus einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit hervorgegangen ist, steht er nicht unter dem Zwang, jede einzelne Aussage erst mit drei Thesen anderer Wissenschaftler unterlegen zu müssen, was den Text flüssig und lebendig macht. Er zitiert, wenn es nötig ist, wenn er eine seiner Feststellungen aus der historischen Entwicklung von Theater und Kino herleitet, doch er schreibt in erster Linie seine eigenen Erkenntnisse nieder.

Blanks Hintergrundwissen ist mit Sicherheit beträchtlich. Umso irritierender ist es, wenn seine Schlußfolgerungen dann doch etwas allgemein und unbefriedigend ausfallen. So legt er beispielsweise sehr überzeugend dar, wie wenig Aussagekraft die Begriffe »natürlich« oder »realistisch« haben, wenn es um die menschliche Wahrnehmung geht. Etwas verwirrend ist jedoch, daß diese Betrachtungen unter der Überschrift »Fernsehen« zu finden sind. Aufs Fernsehen und seine Wirkung kommt Blank erst zum Ende dieses Kapitels zu sprechen, und das Fazit seiner bisherigen Ausführungen ist wenig aufsehenerregend. Nach Blank werden in diesem Medium die als »natürlich« bekannten Stilmittel so unendlich wiederholt, daß der Zuschauer sich kaum noch einen anderen Umgang mit ihnen vorstellen kann. Nach dieser Prägung kommen sie ihm tatsächlich »natürlich« vor, und er betrachtet schließlich auch seine tatsächliche Umwelt mit diesem am Fernsehen geschulten Blick. Diese These ist jedoch seit Günther Anders »Antiquiertheit des Menschen« häufig aufgestellt worden, und es würde sie auch kaum jemand ernsthaft in Frage stellen.
2009-06-08 10:28

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