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Los Angeles. Eine Stadt im Film

Astrid Ofner, Claudia Siefen (Hg.): Los Angeles - Eine Stadt im Film. Eine Retrospektive der Viennale. Marburg 2008. Schüren Verlag. 223 Seiten. 19,90 Euro.

Lost on Halicki Boulevard

Von Werner Busch Im Laufe von nur etwas mehr als hundert Jahren ist Los Angeles von einer aufstrebenden Schwerindustriestadt mit einhunderttausend Einwohnern zu einer 18 Millionen Menschen zählenden Megalopolis geworden, zu einem der größten Ballungsräume der Welt. Wer heute in smogfreier Nacht vom Mount Wilson auf das Becken von Los Angeles blickt, der schaut auf ein gewaltiges Meer aus rechtwinklig angeordneten Lichtbahnen, das erst am Horizont endet – mit ein paar Sträuchern im Vordergrund eine durchaus geläufige Einstellung aus einer ganzen Reihe von Spielfilmen. Diese neue Industrie, die ab 1910 verstärkt nach Los Angeles bzw. seinen Stadtteil Hollywood drängte, ist am Boom der Stadt der Engel nicht unwesentlich mitverantwortlich.

Doch der Film in Los Angeles ist sehr viel mehr als die kinematographische Schwerindustrie Hollywood. Das zeigte die Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums im Jahr 2008. Kurator war der Regisseur und Filmkritiker Thom Andersen, der mit seinem epischen Essayfilm Los Angeles Plays Itself (2003) auf sich aufmerksam gemacht hatte und der augenscheinlich gleichermaßen ein Kenner der Film- und Stadtgeschichte ist. Obwohl in seiner Rückschau auch eine Reihe von bekannten Klassikern zu finden waren, lag der Schwerpunkt klar in unbekannteren filmischen Gefilden: Avantgarde, Underground, Exploitationfilm, urbanistischer Essayfilm, der klassische Slapstick, Dokumentarfilm, B-Movie-Produktionen und vieles andere mehr fühlten und fühlen sich in L.A. genauso heimisch wie die Immobilienverkaufsreklame auf dem Hügel. Sie alle stehen in einer langjährigen symbiotischen Beziehung zu der Stadt und ihren Bewohnern.

Der zweisprachige – mit vielen Filmstills geschmückte – Katalogband bietet neben längeren und kürzeren Beschreibungen aller gezeigten Filme, ganze 87 Stück an der Zahl, auch neun ausführliche Essays, die entweder übergreifend das Thema der Retrospektive behandeln oder einzelne Filme dezidiert besprechen. Andersens einleitender Text gewährt insbesondere interessante historische Einblicke und Ausblicke, wie etwa die Möglichkeit, Stadtentwicklung anhand von Stummfilm-Slapstickklassikern wie denen der Keystone-Cops nachzuvollziehen. Daß im Essayteil mit Double Indemnity und Sunset Boulevard gleich zwei Billy-Wilder-Klassiker raumgreifende Würdigung erfahren, verschenkt aber die Vorzüge dieses Katalogteils etwas und arbeitet gegen die Intention Andersens, Kleinode aus den Nischen hervorzuziehen. Interessanter und wertvoller sind hier die Besprechungen von Charles Burnetts Killer of Sheep oder Pat O’Neills Water and Power. Andrew Tracys Essay zu Die Blechpiraten (»Gone in 60 Seconds«) ist vielleicht das Glanzlicht dieser Publikation, eine überaus interessante Huldigung an H.B. Halickis (im doppelten Sinn dekonstruktivistischem) Instant-Klassiker. Hätte Antonioni seine Weltsicht mit einem Actionfilm ausdrücken wollen, das Ergebnis hätte sehr ähnlich ausgesehen.

Der zweite Teil des Buches mit den Beschreibungen der gezeigten Filme geht erfreulicherweise oft über bloße Inhaltsangabe hinaus und zeichnet zu manchen Produktionen durch Verwertung verschiedenster (Presse-)Stimmen ein ausreichend fülliges Bild. Daß bekanntere Filme wie Soderberghs The Limey hier nur kurz abgehandelt werden, läßt sich verschmerzen, wenn man im Gegenzug auch zu unbekanntesten Avantgarde-Kurzfilmen interessante Einblicke erhält. Warum allerdings David Lynchs umfassende und eng mit Sunset Boulevard verbandelte Los-Angeles-Hommage Mulholland Drive nicht in der Retrospektive auftauchte, weiß der liebe Gott allein.
2009-04-24 10:55

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