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Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien

Christer Petersen (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien, Band 1: Nordamerika und Europa. Kiel 2008. Ludwig. 330 Seiten. 24,90 Euro.

Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien

Christer Petersen, Stefan Jäger (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien, Band 2: Ideologisierung und Entideologisierung. Kiel 2006. Ludwig. 299 Seiten. 24,90 Euro.

Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien

Christer Petersen, Jeanne Riou (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien, Band 3: Terror. Kiel 2008. Ludwig. 361 Seiten. 26,90 Euro

Mediale Auseinandersetzungen

Von Natália Wiedmann »Gewehr- und Geschützfeuer begrüßt die anscheinend feindlichen Flieger. Die Schrapnell-Wölkchen nehmen sich am rosafarbenen Himmel wie ein lustiges Feuerwerk aus« – eines der Zitate, mit denen Charlotte Heymel eindrucksvoll die Idyllisierung des Krieges in den Reiseberichten des Ersten Weltkriegs belegt, ein Beschreibungsmuster, das Heymel schließlich als Reaktion auf den Erfahrungsbruch angesichts der modernen Kriegsrealität deutet. Die von Christer Petersen begründete Reihe »Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien« widmet sich einer Vielzahl divergenter Kriegsrepräsentationen, die immer auch als Inszenierungen gesehen werden, deren Strategien es zu ermitteln gilt. Nach dem 2004 erschienenen Band zu »Nordamerika und Europa« und der unter der Mitherausgeberschaft von Stephan Jaeger editierten Beschäftigung mit »Ideologisierung und Entideologisierung« (2006) liegt nun mit der zweisprachig verfaßten Publikation zu »Terror« (herausgegeben von Christer Petersen und Jeanne Riou) der neueste Sammelband der Reihe vor.

Die jeweiligen Bände wollen sich als interdisziplinäre und interkulturelle Beschäftigungen mit einzelnen Forschungsaspekten verstanden wissen, wobei das Thema der ersten Publikation »Nordamerika und Europa« schwerlich als »Forschungsaspekt« bezeichnet werden kann, sondern die Orte der medialen Auseinandersetzung benennt. Nimmt man die literarischen Arbeiten zur Rolle der kanadischen »Native Veterans« im Zweiten Weltkrieg und den Abschnitt zur Berichterstattung über den Irakkonflikt auf Al-Jazeera aus, handelt es sich also um Repräsentationen im westlichen Kulturkreis – man mag darüber streiten, ob der Anspruch auf einen interkulturellen Zugang als eingelöst gelten kann.

Freuen dürfen sich alle Film- und Fernsehaffine, sie werden im ersten Band besonders großzügig bedient: Hans Krah führt die Strukturen vor, die einer Darstellung von Krieg in deutschen Krimihandlungen unterliegen, Lars Baumgart arbeitet mittels präziser Stilbeschreibungen drei Darstellungsperspektiven des gegenwärtigen Kriegsfilms heraus, Eckhard Pabst liest Black Hawk Down als Meta-Kriegsfilm, und Christer Petersen beklagt die Selbstbezüglichkeit der Vietnamfilme sowie die Ausblendung der vietnamesischen Opferperspektive. Überraschend auch die Ausführungen Barbara Schrödls, die sich der Bedeutung von Mode als Medium der Propaganda widmen und damit einen wenig beachteten Filmaspekt aufgreifen, doch so interessant die in den Aufsätzen vermittelten Einsichten sein mögen: Um die im Vorwort des Bandes postulierten rekurrenten Strukturen der Kriegsdarstellungen deutlicher herauszustellen, hätte es größerer editorischer Sorgfalt bedurft, wie sie im zweiten Band ersichtlich ist. Dessen Aufsätze – chronologisch nach Konflikten geordnet, die sich zeitlich vom »War on Terror« bis hin zum Persienkrieg Alexander des Großen erstrecken – verfolgen die übergeordnete Frage nach den Strategien der »Ideologisierung und Entideologisierung«, am deutlichsten von Mitherausgeber Stephan Jaeger anhand einiger Beispiele von Bombenkriegsdarstellungen in Historiographie und Dokumentarfilm in Deutschland vorgeführt; anschaulich arbeitet er einen Widerspruch zwischen Predigt und Praxis heraus, denn während auf der Gegenstandsebene Strategien der Entideologisierung eingesetzt werden, bleibt die Darstellungsebene meist unreflektiert und führt zu einer Re-Ideologisierung.

Neben dem breiten Spektrum der im zweiten Band verhandelten Konflikte und Medien ist nicht nur die Ergänzung biographischer Angaben zu den Autoren hervorzuheben, sondern vor allem auch die Einleitung, welche sich nicht darauf beschränkt, nur einen verknappten Überblick zum Inhalt bereitzustellen, sondern stattdessen eine Einführung in die Begriffsproblematik gibt und die Erläuterung des eigenen Verständnisses von Ideologisierung und Formen der Entideologisierung den Aufsätzen voranstellt.

In der dritten Publikation wird die Geschlossenheit, die dem ersten Band noch völlig fehlte, nun nicht durch eine übergeordnete Perspektive geschaffen, sondern durch die Eingrenzung auf ein Thema mit starkem Aktualitätsbezug: »Terror«. Die Wahl des Umschlagbildes (RAF-Aktivisten vor der Urteilsverkündung im Kaufhausbrandstifterprozeß 1968) verweist dabei darauf, daß Terrorismus keine Neuerscheinung des letzten Jahrzehnts und auch nicht auf die verstärkt im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehenden radikal-islamistischen Aktivitäten zu reduzieren ist, führt aber insofern auf eine falsche Fährte, als es die Unterscheidung zwischen Terrorismus und Terror verwischt, eine Unterscheidung, die im selbigem Band der Aufsatz von Johannes Endres mit Bezug auf Theorien des Erhabenen aufgreift. Doch schließlich – so könnte man mit Formulierungen der Einleitung antworten – geht es den Herausgebern weder um »a comprehensive historical account of terror« noch um eine systematische Kategorisierung; vielmehr wollen sie einen Beitrag zur Phänomenologie des Terrors leisten, »discrepancies in the critical, conceptual understanding of terror« eingeschlossen. Nach viereinhalb Seiten Reflexion der thematisch bedingten Probleme, der Absage an Allumfassung und dem Bekenntnis zu Lücken bleibt ein Vorwurf allerdings bestehen: jener der Immunisierung gegen Kritik.

Den überzeugenden Auftakt der insgesamt dreizehn, nach ihrem methodologischen Zugang geordneten Beiträge liefern Mario Harz und Christer Petersen mit einer relationslogischen Bestimmung der Begriffe »Terrorist« und »Freiheitskämpfer« (an deren Definition zuvor schon so viele gescheitert sind), wobei sie plausibel die Zukunftserwartung als Variable für die Begriffsbestimmung einführen sowie den Zusammenhang mit der Menge der sich als befreit oder erschrocken auffassenden Bevölkerung erläutern. Die Relevanz ihrer formallogisch gewonnenen Begriffsunterscheidungen führen die Autoren sogleich vor, indem sie diese zur Bewertung der Gewalttaten des 11. September 2001 sowie der Operationen Enduring Freedom und Iraqi Freedom heranziehen. Dabei bleiben die Autoren nicht die einzigen, die ihre Untersuchungsergebnisse dazu nutzen, zu aktuellen Auseinandersetzungen eindeutig Stellung zu beziehen. Schon im nächsten Beitrag kommt Josef Bordat nach Betrachtung »Militärische[r] Anti-Terror-Maßnamen im Spiegel der bellum iustum-Tradition« zu dem Schluß, der »War on Terror« sei kein gerechter Krieg; hervorzuheben ist auch der Text »Ghostlike Abstractions« von Eva Kenny und Rory Rowan. Carl Schmitts Begriff des Politischen und seine Theorie des Partisanen dienen ihnen als Ausgangspunkte, um überzeugend die diskursive Produktion eines abstrakten Feindes globaler Natur im »War on Terror« herauszuarbeiten, welcher schließlich die Ausweitung staatlicher Macht und Ausnahmezustände legitimiert.

Insgesamt stehen konzeptuelle und sprachliche Auseinandersetzungen im Vordergrund, Filminteressierte werden nicht mehr so großzügig wie noch im ersten Band bedient, sie können einzig auf Douglas Kellners Untersuchungen der Repräsentation von 9/11 im zeitgenössischen Hollywoodfilm zurückgreifen. Die Lektüre seines polemischen Textes
hinterläßt aber einen bitteren Nachgeschmack: Schon der Blick auf das Literaturverzeichnis läßt mißtrauisch werden, stammt doch ein Drittel der 18 zitierten Texte von ihm selbst, und auch sonst scheint er von seinen Ansichten überzeugt genug zu sein, um Deutungen als Fakten zu präsentieren und in der Wortwahl zu suggerieren, sowohl die Absichten der Terroristen als auch jene der US-amerikanischen Regierung zu kennen. Auch Jörg Lehmanns Überlegungen zu den »Enthauptungsvideos als Konsumgut« enthalten bezüglich der Videobetrachter zu viele unbelegte Thesen, bieten dafür aber interessante und stimmige Beobachtungen zur Inszenierung der Videos; Stephan Weichert wiederum greift zunächst das bereits hinreichend thematisierte enge Verhältnis von modernem Terrorismus und Massenmedien auf, um dann für das Fernsehen das narrative Skript herauszuarbeiten, welchem die Berichterstattung über Terrorereignisse folgt.

So wichtig diese unterschiedlichen Beiträge zu Repräsentationen von und im Krieg auch sind, die grundsätzliche Schwierigkeit der Reihe läßt sich mit einer Analyse Jaegers aus dem zweiten Band beschreiben: Als Alternative zur diskursiven Re-Ideologisierung stellt er die Möglichkeit vor, die Vielstimmigkeit eines Textes durch Schaffung von Offenheit und Erzähllücken zu erhalten, wobei die Gefahr bestünde, sich als Leser in der Vielstimmigkeit der Texte und das historische Ereignis aus dem Blick zu verlieren. Die bisherigen Bände zu den Zeichen des Krieges stellen ihre Leser vor ein ähnliches Problem: Im Labyrinth der Unabgeschlossenheit und intendierten Lücken sammelt man Erkenntnisitems, bleibt aber mit einer gewissen Ratlosigkeit zurück, da man sie mitunter nicht einzuordnen weiß.

Eine thematische und begriffliche Präzisierung tut Not und stünde der Offenheit durchaus nicht im Wege, erlaubte sie doch eine bessere Kontrastierung der Texte und Erkenntnisse, produzierte neben Redundanzen auch produktive Widersprüche, ließe Texte gegeneinander antreten statt nur nebeneinander stehen. Gegenüber dem – wenngleich durchaus interessanten – Sammelsurium des ersten Bandes nehmen sich die Folgebände bereits stärker fokussiert aus und lassen auf weitere editorische Verbesserungen hoffen – sowie auf die Auflösung der Frage, welcher Medienbegriff eigentlich der Reihen-Titelgebung zugrundeliegt.
2009-04-23 11:19

Medien

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