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The Art of Programming

Heike Klippel (Hg.): The Art of Programming. Film, Programm und Kontext. Münster 2008. Lit Verlag. 296 Seiten. 19,90,- Euro.

Film Curatorship: Archives, Museums, and the Digital Marketplace

Alexander Horwath u.a. (Hg.): Film Curatorship: Archives, Museums, and the Digital Marketplace. Wien 2008. Synema. 240 Seiten. 29,95,- Euro.

Guten Filmappetit!

Von Nikolaj Nikitin Cameron Bailey vom erfolgreichen Toronto Filmfestival vergleicht in seinem Festivalbeitrag in diesem Heft Festivals mit Dinnerpartys (s.S.38ff). Allseits bekannt ist sicherlich die Analogie vom Kochen und Filmemachen – beides eine Frage des guten Geschmacks und der richtigen Zutaten – nicht umsonst sind einige der gelungensten Filmklassiker »Kochfilme« (s.S.74). Bailey steht mit seiner Dinnerparty/Filmfestival-Analogie nicht ganz allein. Gleich mehrere Autoren der Aufsatzsammlung »The Art of Programming« bemühen ein ähnliches Bild, wenn es um die Programmarbeit im Kino, bzw. das Kuratieren von Festivals und Filmreihen geht. So vergleicht die Filmkuratorin Karola Gramann eine Programmgestaltung mit der Kunst des Kochens: »Die Speise ist mehr als die Summe der Ingredienzen. Man muß über den Markt gehen und wissen, wo es die guten Zutaten gibt, sich aber auch inspirieren lassen. […] Es ist falsch zu denken, daß ähnliche Filme ein gutes Programm abgeben würden, Käsehäppchen zur Vorspeise, Raclette als Hauptgang, Gryuère-Eis zum Dessert.« Na dann, guten Filmappetit.

Die Herausgeberin des Buches Heike Klippel zitiert zudem Laura Marks, die mit ihrer Metapher der Dinnerparty voll auf Baileys Linie liegt. In mehreren aufschlußreichen Artikeln und Interviews wird über die Vermittlungsarbeit der »Programmer« diskutiert (ein Begriff, der sich längst im Angelsächsischen durchgesetzt hat, während bei uns noch viel über Berufsbegrifflichkeiten – vor allem im Museumskontext – debattiert wird). Für Interessenten an der Materie und dem »Berufsbild«, das im eigentlichen Sinne keines ist, da immer noch keine eigenständige Ausbildung für den Filmkurator existiert, ist das Buch sicherlich geeignet, da vor allem der historische Ursprung und die Entwicklung der Programmierung gewürdigt wird. Dank der thematischen Aufteilung kann der geneigte Leser schnell den jeweiligen Aspekt finden, der ihn gerade interessiert.

Wie ein Stream of Consciousness oder eine angeregte, heiter-vergnügliche Unterhaltung zwischen Freunden und Filmspezialisten (Archivare und Kuratoren) wirken die transkribierten Gespräche des Kreises rund um Alexander Horwath, dem Leiter des Österreichischen Filmmuseums (und ehemaligem Viennale-Chef). Sehr angeregt und sichtlich kenntnisreich – auch wenn etwas zu oft um Definition und Selbstverortung bemüht – ist die Lektüre für Interessierte höchst kurzweilig, für Fachfremde aber sicherlich zu spezifisch. Auf jeden Fall kuratiert der geneigte Leser beider Bücher sicherlich seinen nächsten Video-, Entschuldigung: DVD-, HD- oder BluRay-Abend mit mehr Reflexion und achtet auf die richtige Mischung – und vor allem auf die richtigen Gäste. Nicht jedem schmeckt ein Splatter-Film zum Roastbeef, und er rede zur Einführung nicht zuviel über die Gedanken, die er sich bei der Auswahl gemacht hat, denn das Programm soll vor allem für sich sprechen – auch das steht in den schlauen Büchern.
2009-05-18 11:42

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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