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Scenario 3

Jochen Brunow (Hg.): Scenario 3. Film- und Drehbuch-Almanach. Berlin 2009. Bertz + Fischer. 328 Seiten. 19,90,- Euro.

Autorenwechsel ins Regiefach wird Trend

Von Kyra Scheurer Mit der dritten Ausgabe von »Scenario« hat sich der jährlich erscheinende Drehbuch-Almanach endgültig etabliert und bewiesen, daß er aktuelle Strömungen in Branche und Berufsstand genauso berücksichtigt bzw. mit persönlichen Berichten bereichert wie er gleichzeitig eigene Akzente setzt. Die Stammrubriken Werkstattgespräch, Essays, Journal, Backstory und Lesezeichen wurden dabei ebenso beibehalten wie der traditionelle Abdruck des mit dem Deutschen Drehbuchpreis prämierten besten unverfilmten Drehbuchs des Jahres. Während die naturgemäß außerordentlich persönliche Textform des Journals in dieser Ausgabe eher von durchschnittlicher Qualität ist – Newcomer Hannes Held schreibt nett, aber irgendwie austauschbar über seine Pfad-Finderei im Seminardschungel, und Altrecke Peter Schneider überfrachtet die interessante Schilderung der Arbeit an seinem Vivaldi-Drehbuch mit zahlreichen 68er-Erinnerungen und Tagebuchergänzungen – stellt das ausführliche Werkstattgespräch mit Autor und Regisseur Chris Kraus ein definitives Highlight dar. Denn Kraus ist nicht, wie man annehmen könnte, ein klassischer Autorenfilmer – er gehört vielmehr zu jenen Autoren, die ihre erzählerische Arbeit und künstlerische Vision dadurch zu schützen versuchen, daß sie sie selbst inszenieren. Kraus schildert seine Anfänge als Autor, das Lernen von Frank Daniel, die Zusammenarbeit mit Rosa von Praunheim und Volker Schlöndorff – und er bereichert den Band durch Comiczeichnungen und Storyboards. Damit sind gleich die zwei wesentlichen Merkmale von »Scenario 3« gesetzt: Auch Fred Breinersdorfer und Susanne Schneider berichten in sehr persönlichen Essays, wie sie als erfahrene Autoren die neue Situation erlebten, am Set Verantwortung für Team und Gelingen des Gesamtprojekts zu übernehmen, Lars-Olav Beier liefert zusätzlich den internationalen Hintergrund zum Trend »Autorenwechsel ins Regiefach«, und auch der Mehrwert gezeichneten Bildmaterials zieht sich von Kraus’ Material angefangen durch den gesamten Band und eröffnet so eine weitere Form des narrativen Umgangs mit der Bildebene. Auch die Themenfelder der letzten beiden Bände werden indirekt neu bespielt, wenn etwa Michael Töteberg versiert und unterhaltsam über Nabokov und den Film berichtet. Der Rest des »Scenarios« liest sich so, wie Kompendien sich eben lesen: mal mehr, mal weniger interessant. Das Besondere an dieser Reihe aber ist, daß man sich selbst nach der Lektüre einiger durchschnittlicher Beiträge die Neugier auf den nächsten Band mühelos bewahrt angesichts der gelungenen Balance von Information, Reflexion und Unterhaltung. 2009-04-28 11:29

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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