— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Invasion

Dirk Blothner, Marc Conrad: Invasion. TV-Weltmuster erobern den Fernsehmarkt. Vorwort Dominik Graf. Bonn 2008. Bouvier. 120 Seiten. 14,90,- Euro.

Muster in Serie

Von Rüdiger Hillmer Mit ihrem bewußt provozierend formulierten Thesenpapier haben der Kölner Medienpsychologe Dirk Blothner und sein Ko-Autor, der Produzent und ehemalige RTL-Programmchef Marc Conrad, 2008 einen Stein in den deutschen Serientümpel geworfen und dort kurzzeitig einige Wellen geschlagen. Die Autoren untersuchen darin fünf aktuell auch in Deutschland populäre Serienformate aus den USA. Nach Auffassung der Autoren stellen Serien wie Dr. House, CSI oder Grey's Anatomy eine neue Form der Erzählung dar, weil sie in außerordentlicher Weise auf eine besonders breite Massenwirkung abzielen und die Sehgewohnheiten der Zuschauer beeinflussen.

Die Methodik der Autoren basiert dabei auf dem von Blothner vertretenen Konzept der »Morphologischen Psychologie«, die er zu einer »Filmwirkungsanalyse« weiterentwickelt hat. In deren Zentrum stehen so genannte »Wirkungsmuster«. Diese stellten den »unbewußten Hoffnungen und Wünschen der Menschen eine unterhaltsame Form bereit […] und passen sich in die aktuellen Tagesläufe der Menschen stabilisierend ein.« Blothner spricht ihnen damit eine »psychohygienische Funktion« zu. Die Bindung an eine TV-Serie beruhe auf dem Bedürfnis des Zuschauers, dieses »gefühlte Muster« zu wiederholen.

Grundsätzlich sehen Blothner/Conrad unterschiedliche Herangehensweisen an die Entwicklung eines Serienstoffes in Deutschland und den USA. Gehe es hier noch immer vor allem darum, die Identifikation des Zuschauers über die Figuren zu erreichen, so werde dort dem Wirkungsprozeß in seiner gesamten Komplexität mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Den Mißerfolg deutscher Serien führen die Autoren vor allem darauf zurück, daß Deutschland in Bezug auf die »Massenwirkung« von Medien historisch vorbelastet sei und sich die Verantwortlichen scheuten, Filme und Serien zu entwickeln, die eine intensive Wirkung erzeugten. Deutsche Serien seien zudem mit ihrem Publikum veraltet, während jüngere Zuschauer mit den andersartigen amerikanischen Serien sozialisiert worden seien. Diese anderen Sehgewohnheiten würden in deutschen Serien noch immer zu wenig oder nur durch oberflächliche Anlehnung an US-Formate berücksichtigt.

Den Erfolg der US-Serien führen Blothner/Conrad insbesondere auf die differenzierten Vorstellungen über filmische Wirkungsprozesse zurück. Auf diese Wirkung zielten sorgfältig entwickelte Figuren und Erzählstrukturen ab. Damit und durch ihre enge Verbindung mit der Alltagskultur seien diese Serien bewußt als Angebot entwickelt, der Unruhe des zeitgenössischen Lebens Lösungsmodelle entgegenzusetzen. Daneben spielten Mythen – die Hexenjagd (CSI) oder der Archetyp des Schamanen (Dr. House) – eine bedeutende Rolle, indem sie das unbewußte Erleben der Zuschauer strukturierten. Verstärkt zeige sich das in »apersonalen« Erzählformen, in denen nicht die Identifikation des Zuschauers mit dem Protagonisten im Zentrum stehe, sondern universelle Grundsituationen der menschlichen Wirklichkeit. Diese »filmische Textur« zeige sich u.a. in der Konstruktion der Episoden und Sequenzen, dem Schnitt oder dem Rhythmus. Dadurch würden vertraute Muster geschaffen, die wiederum die Bindung zu einer Serie stärker herstellten als diejenige über Figuren oder Schauspieler.

Es überrascht nicht, daß der schmale Band weder eine wirkliche Analyse der im Titel genannten »Weltmuster« zu leisten vermag noch auf empirisch gesicherte Daten zurückgreifen kann. Auch andere von Blothner offenbar recht spezifisch verwendete Begriffe werden nicht hinreichend geklärt. Insgesamt schwächt dies die Aussagekraft der vorgetragenen These und behindert stellenweise die Nachvollziehbarkeit der auch ansonsten nicht immer präzisen Argumentation. Eine Reihe der hier vorgelegten Untersuchungsergebnisse lassen sich zudem auch im Zuge einer – weniger aufwendigen – klassisch dramaturgischen Untersuchung erzielen.

Dennoch konstatieren Blothner/Conrad wohl zu Recht die schwierigen Bedingungen für die Entstehung neuer Erzählformen in Deutschland. Der Band stellt also trotz mancher Einwände einen notwendigen Schritt dar, sich vertiefend gerade mit jenen US-Serien auseinanderzusetzen, die auch von deutschen Zuschauern häufig gesehen und/oder von ihnen mit einem positiven Image belegt werden. Bedenkenswert sind einige der von den Autoren diskutierten Lösungsansätze allemal.
2009-04-20 12:23

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap