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What Just Happened?

Art Linson: What Just Happened? Bitter Hollywood Tales from the Front Line. Neuauflage. New York 2008. Grove Press. 224 Seiten. 14,- $

Wichtig bedeutungslos

Von Werner Busch »What just happened?« Das ist die Frage, die Drehbuchautor David Mamet an seinen Freund Art Linson, seines Zeichens Produzent in Hollywood, richtet. Sie haben gerade ein Treffen mit einem der Studio-Executives von Fox hinter sich gebracht. »I think it went well«, ist Linsons Antwort. Mamet ist verblüfft: »What’s it like when it goes bad?«

Ein Filmkomponist stellt die Filmmusik her. Ein Editor fügt das gedrehte Material zu einem Spielfilm zusammen. Spezialeffekt-Leute arbeiten an den Spezialeffekten. Die Arbeit dieser Männer und Frauen bei einer Filmproduktion erklärt sich selbstredend aus ihren Titeln. Was aber machen die Leute, die als »Producer«, »Executive Producer« oder »Executive in Charge of Production« im Abspann stehen? Das ist die Frage, der der Autor von »What Just Happened?« nachgeht. Der Autor heißt Art Linson und ist seit den 1980er Jahren Produzent in Hollywood. In seiner Filmographie finden sich neben Filmen wie This Boys Life und Into the Wild auch The Untouchables, Heat und nicht zuletzt Fight Club. Art Linson ist also unzweifelhaft einer von den Guten. Und daher trägt sein Buch auch den Untertitel »Bitter Hollywood Tales from the Front Line«.

»What Just Happened?« ist ein intimer Bericht aus der undurchsichtigen Festung Hollywood. Was passiert dort oben in den Vorstandsetagen der Majorstudios? Wie ist es, wenn die Götter miteinander sprechen, die Millionenbudgets mit einem kurzen, angedeuteten Kopfnicken beschließen? Das sind die Dinge, die wir hier erfahren. Das außergewöhnliche an diesen Geschichten von der Frontlinie ist, daß die Menschen, von denen erzählt wird, immer beim Namen genannt werden. Linson schildert ausschließlich seine ganz konkreten und sehr persönlichen Erfahrungen bei der Verwirklichung seiner Filmprojekte. Von Auf Messers Schneide bis hin zu Fight Club und darüber hinaus. Keine eigentümliche Marotte der allesamt real existierenden Menschen bleibt unerwähnt, keine Peinlichkeit wird verschwiegen.

So etwa die »Bart-Affäre« um Alec Baldwin bei den Dreharbeiten zu Auf Messers Schneide: Baldwin erscheint kurz vor Drehbeginn übergewichtig und mit einem gewaltigen Vollbart am Set. Tagelang drücken sich Linson und der Regisseur um die Verantwortung, wer Baldwin davon unterrichten soll, daß der Bart weg muß. Die gezeigte Zurückhaltung wird erst verständlich, wenn der Darsteller nach überbrachter Bitte beginnt, laut schreiend die Garderobe zu verwüsten, neben dem Ausstoßen profanster Flüche darum bemüht, seine Integrität als Künstler zu beschwören.

Nicht nur inhaltlich sondern auch formal ist das Buch weit davon entfernt, ein trockener Bericht zu sein: Die Akteure sprechen allesamt in direkter Rede, die Situationen werden sehr unmittelbar und lebensnah geschildert. Mit einer Rahmenhandlung, in der Linson diese Beichte einem geschaßten Produzenten während einiger Treffen am Tisch erzählt, nähert sich das Buch der Romanform an, wobei aber sämtliche geschilderten Ereignisse – zumindest aus Linsons Sicht – wohl genau so stattgefunden haben dürften. Durch den subjektiven Blickwinkel, mit dem wir in diese Welt eintauchen, und dank seiner belletristischen Qualitäten ist »What Just Happened?« ein nicht weniger aufschlußreiches, in jedem Fall aber ungemein unterhaltsames Buch geworden.

Erstaunlicherweise ist Linson trotz dieses »Enthüllungsbuches«, das erstmals 2002 erschien, auch weiterhin in Hollywood tätig und produzierte 2007 eine Filmfassung des Buches unter gleichem Titel, die dieser Tage als Inside Hollywood auf deutsche Leinwände kommt. Im Gegensatz zum Buch werden hier aber die Geschehnisse – natürlich – nicht dokumentarisch nachgebildet. Im Film ist es etwa Bruce Willis (als Bruce Willis), der eine Bart-Affäre hat. Im Vergleich ist daher das Buch ungleich wertvoller und darüber hinaus auch deutlich unterhaltsamer.

»What Just Happened?« ist aus Anlaß der Verfilmung neu aufgelegt worden und um ein einleitendes Interview sowie um das von Linson selbst verfaßte Drehbuch erweitert – nicht unbedingt bereichert – worden. Wir erfahren in diesem Buch endlich, was die Hauptaufgabe von Produzenten in Hollywood ist: Leute mit anderen Leuten ins Gespräch bringen. Das Schöne daran: Wir erfahren auch, daß die Entscheidungen bereits vor den Gesprächen gefallen sind. Im Hinblick auf unsere Erwartungshaltungen ist »What Just Happened?« durchaus ernüchternd. Aber humorvoller und kurzweiliger als hier bekäme man dies nirgendwo geboten. 2009-03-23 12:00
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