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Outer Space

Charles Martig, Daria Pezzoli-Olgiati (Hg.): Outer Space - Reisen in Gegenwelten. Marburg 2009. Schüren Verlag. 288 Seiten. 19,90 Euro.

»I’ve Seen Things«

Von Ines Schneider Von den vielen Möglichkeiten, die Menschen entwickelt haben, um sich mit ihren Lebensbedingungen auseinanderzusetzen, werden in dem Essayband »Outer Space: Reisen in Gegenwelten« zwei gegenübergestellt: Religion und Science Fiction. Religion wie Dichtung werden in »Outer Space« als Systeme von Symbolen und Funktionsweisen betrachtet, die ihnen zugrundeliegenden Leidenschaften werden als Phänomene behandelt, die unter dem wissenschaftlichen Blick registriert und analysiert werden können.

Die Beiträge sind in drei verschiedene Themenbereiche eingeteilt. Der erste beschreibt das Konzept von Welten und Gegenwelten aus religionsgeschichtlicher Perspektive. Was hat die Menschheit dazu bewogen, ein komplexes Zusammenspiel aus Mythen, Ritualen und Geboten zu entwerfen? Im zweiten Teil werden Grundaspekte der Science Fiction erläutert. Was bringt einen Autor, Regisseur oder Computerspieldesigner dazu, eine ähnliche Grundlage für seine Protagonisten zu erfinden? Auf welche Bilder wird immer wieder zurückgegriffen bei dem Drang, sich eine andere Welt auszumalen? Durch die Untersuchungen in den ersten beiden Teilen werden die Grundlagen deutlich, auf denen sich die Religion und später die Fiktion entwickelt hat. Die ausgewählten Beiträge vermitteln Schritt für Schritt folgende Zusammenhänge:

Mit Hilfe der Religion behandelt der Mensch Rätsel und Konflikte seines Daseins. Unsere westliche Gesellschaftsstruktur ist auch heute noch von Werten und Fragen geprägt, die bereits den christlichen Glauben durchziehen. Die weltliche Manifestation dieses Glaubens, die christliche Kirche, ist jedoch ein von Menschen aufgebautes Sozialsystem. Unsere heutige Form des Zusammenlebens ist von den philosophischen Fragestellungen nach der Position der Menschheit und des Individuums in dieser Welt genauso geprägt, wie von dem Regelwerk der Institution Kirche, auch wenn beides sich über die Jahrhunderte hinweg verändert hat. Auf dieser Basis entsteht unser Alltag, und auf dieser Basis wird er akzeptiert oder hinterfragt.

In der Science Fiction stellt sich der Mensch nach wie vor dieselben Fragen wie die Geistlichen der Vergangenheit. Die Science Fiction-Autoren suchen, ähnlich wie die Theologen, nach Antworten. In der Science Fiction hat der weiterentwickelte Mensch die Beschäftigung mit den grundlegenden Rätseln seiner Existenz zwar noch vorangetrieben, er konnte sie jedoch ebensowenig lösen wie seine Vorgänger. Im Gegenteil, der Hunger nach Wissen und Fortschritt mag ihn zwar zu neuen Erkenntnissen und Erfindungen geführt haben, die das Leben der Zukunft formen, doch damit sind die alten Fragen nicht beantwortet, es zeigen sich lediglich neue Aspekte. Wie die Kirchenväter können auch die Science Fiction-Autoren nicht das Unerklärliche erfinden, sie können sich ihm nur in Gleichnissen und Metaphern nähern, nur »Gegenwelten« schaffen, die aus den Bedingungen und Beschränkungen der eigenen Welt gespeist werden.

Unter diesen Voraussetzungen können die Beiträge im dritten Bereich, Science Fiction im Spiegel der Religionswissenschaft, den direkten Vergleich der Motive anstellen. Hier wird an konkreten Beispielen gezeigt, wie eng Götterglauben und Zukunftsphantasien miteinander verwandt sind. Ein gläubiger Katholik und ein glühender SF-Fan mögen ihre Gefühle nicht immer für vergleichbar halten, doch es treiben sie offenbar ähnliche Leidenschaften um, und sie bedienen sich ähnlicher Dramaturgien und Erzählmuster, um ihnen Gestalt zu verleihen. Die meisten Autoren des Sammelbandes scheinen keine Berührungsängste zu kennen. In den kurzen Lebensläufen am Ende des Buches findet man Studien der Theologie, Philosophie und Medienwissenschaften friedlich vereint. Die Verbundenheit, die viele Verfasser bereits spüren und mit ihren Arbeiten erst noch beweisen wollen, deutet sich schon früh im verwendeten Vokabular an. Der Begriff der »Ikone« beispielsweise, der in der Kunstgeschichte lange Zeit die Bezeichnung für ein religiöses Kultbild war, wird nun auch ganz selbstverständlich auf Werke wie Blade Runner, Solaris oder Alien angewendet.

»Outer Space: Reisen in Gegenwelten« vereint einige ergiebige Untersuchungen zu zwei verschiedenen Ausdrucksweisen derselben menschlichen Tendenz. Obwohl die Jahrestagung 2007 der Forschungsgruppe Film und Theologie als Anstoß für den Sammelband genannt wird, beziehen sich die Texte nur selten aufeinander. Das birgt Vor- und Nachteile. Jeder Beitrag kann auch gewinnbringend einzeln gelesen werden. Doch die Autoren stehen auch unter dem Zwang, für ihre Theorien erst eine wissenschaftliche Untermauerung zu schaffen. Viele Absätze bestehen aus Definitionen und Aufarbeitungen vorangegangener Forschungsansätze. Theologen, Filmwissenschaftlern und Science Fiction-Fans werden diese raschen Überblicke kaum Neues bieten, interessierte Laien wiederum werden von dieser Fülle von Verweisen möglicherweise abgeschreckt. 2009-03-17 16:56

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