— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hildegard Knef

Paul von Schnell: Hildegard Knef – Nichts geht verloren. Hamburg 2008. earBOOKS. 120 Seiten. 39,95 Euro.

AugenBlick mit Hilde

Von Kyra Scheurer Ausdrucksstarke Bilder. Zwei CDs dazu. Bild und Ton und Assoziation und immer wieder Blicke. Augenblicke aus einem Leben, das für drei zählt. Keckes Gucken aus Babyaugen. Die Dreijährige küßt den Spielkameraden wie eine Große, die Augen geschlossen. Dann die Verführung direkt in die Kamera. Dann ein eigener Blick durch die Kamera auf Nachkriegsberlin. Dazu die Tonspur: »Der Tag holt Luft und knackt mit den Gelenken.« Dann seitenweise gestellte Posen und leere Blicke. Auch das kann sie also, die Knef, langweilen. Dazu: »Das Klagelied der Elvira O«, die »goldnen Jahre, als ich noch verderblich war«. Inmitten inszenierter Glätte wieder ein Bild, das bleibt: schreckgeweitete Augen einer überschminkten Knef. Paralyse, weil die Dietrich sie umklammert hält, zu »Silkstockings« gratuliert. Dazu jetzt lieber nicht die Cole-Porter-Songs des Begleitsoundtracks hören. Wieder zurückblättern zur Knef als »Baby Jane«. Faszination des Grauens.

Was ist das eigentlich, dieses earBOOK, diese Mischung aus großformatigem Bildband mit eindringlichen Chansons der ewigen Rauchhausqueen? Voyeurismus oder Nähe? Passend zur Frage das Mittelfaltblatt: zwei riesige Augen. Danach das zweite Leben der Knef: die Zeit als Sängerin, die Zeit mit David Cameron, »Liebe auf den hundertsten Blick«. Dann bekannte Bilder: existentialistisches Schwarz im Sessel, pur, aber nicht authentisch. »Nichts geht verloren. Die Angst nicht, der Zorn, die Kraft von vor langer Zeit.« Die Stimme läßt sich in die Seele sehen und blickt zurück. Momentaufnahmen: Triumph, Verzweiflung, überraschte Freude. Dann die Knef als Mutter. Schön. Dann das dritte Leben, das als Autorin und Talkshowgast, als Operierte, Verunsicherte, Kapriziöse und immer wieder neugierig Vitale. »Die Kraft von vor langer Zeit.« Auf der Tonspur gesprochenes Wort. Die Knef als Kinski. »Die Knef gehört zum Besten, das je aus Deutschland gekommen ist«, wird die New York Times zitiert in den wenigen Buchstaben dieses Buches, das kein Buch ist. Die Buchstaben sind das Schlimmste hier: ein einfallsloser, redundanter, immerhin kurzer Text des letzten Gatten, Bildunterschriften, für die jemand entlassen gehört, und vereinzelte Zitate ohne Strahlkraft. Als Buch bleibt das earBOOK schaler Coffeetable, Kino aber kann es: Vertrauen in die Kraft der Bilder. Blicke. Assoziation. Musik. Mensch. Stimme. Die Tonspur singt: »Daß ich das bin, beschwören möcht ich’s nicht.« Wir aber sehen und hören sie an und sagen zum Abschied leise »Hilde«. 2009-03-11 12:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap