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The Ingmar Bergman Archives

Paul Duncan, Bengt Wanselius (Hg.): The Ingmar Bergman Archives. Köln 2008. Taschen Verlag. 592 Seiten. 150,- Euro.

Buch als Waffe

Von Werner Busch Unweigerlich muß den Kritiker das Gefühl beschleichen, etwas falsch gemacht zu haben, wenn seine Kritik wie ein überkandidelt enthusiastischer Werbetext des Verlages klingt. Dabei sollte er doch erfreut darüber sein, daß es noch Rezensionsobjekte gibt, bei denen man ausschließlich in entzückte Raserei verfallen kann.

7,8 Kilogramm schwer und aufgeschlagen beinahe einen Meter breit ist dieses Hexenwerk der Buchbindekunst. 590 Seiten mit hunderten, nie zuvor veröffentlichten Fotos in großartiger Qualität, einige davon ganzseitig in DIN A3. Dazu ein Band mit den deutschen Übersetzungen der englischen Buchtexte, ohne Fotos immer noch 220 Seiten lang, als kleine Dreingabe eine DVD mit 110 Minuten bisher unveröffentlichter privater Filmaufnahmen.

Auf geradezu wundersame Weise schafft es das Buch, seine unübersehbaren materiellen Schauwerte inhaltlich noch zu überbieten: Die meisten der höchst informativen und anekdotenreich-unterhaltsamen Texte liegen mit diesem Band zum ersten Mal in englischer bzw. deutscher Sprache vor. Chronologisch werden erstmals neben sämtlichen Filmen Ingmar Bergmans, einschließlich seiner TV-Produktionen, auch seine vielzähligen Theaterarbeiten eingehend in Wort und Bild besprochen. Höchst erstaunlich ist die Qualität dieser Fotographien: Selbst zu seinen frühen Filmen aus den 1940ern fand Bildredakteur Bengt Wanselius neben exzellent erhaltenen Szenenbildern auch ebenso qualitativ hervorragendes Bildmaterial, das hinter den Kulissen entstand.

In den umfangreichen Texten kommen neben Bergman selbst insbesondere Filmhistoriker wie etwa Peter Cowie und Stig Björkman zu Wort, zusammen mit Schauspielern, Crewmitgliedern und anderen Weggefährten. Letztere insbesondere in verschiedensten historischen Zeugnissen wie Interviews, Briefen oder eigenen Schriften. »Editor« Paul Duncan montierte diese persönlichen Sichtweisen nun so, daß sie sich nicht ausschließlich nur ergänzen, sondern auch miteinander ins Gespräch treten und Dinge zum Teil höchst verschiedenartig beleuchten. Das Buch will sich nicht mit einfachen, singulären Wahrheiten begnügen. Es überrascht häufig durch angenehme Unvoreingenommenheit gegenüber dem Denkmal Bergman, von dem das Buch über seine Arbeiten ein enorm reichhaltiges und vielschichtiges Bild zeichnen kann.

Trotz seiner Mordwaffenmächtigkeit ist »The Ingmar Bergman Archives« sehr viel mehr als nur ein opulent ausgestatteter Prachtband, es gehört, egal wie marktschreierisch dies klingen mag, zu den besten Filmbüchern über das Werk eines Regisseurs, die bis dato erschienen sind. Allein wegen seiner schieren Größe und Schwere könnte es abschreckend wirken. Ein Problem, das es wahrscheinlich gerne mit seinem Gegenstand teilt. 2009-03-05 15:33

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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