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Realismus

Hermann Kappelhoff: Realismus – Das Kino und die Politik des Ästhetischen. Berlin 2008. Vorwerk. 248 Seiten. 19,00 Euro.

Ein Diplomat im Dienste des Kinos

Von Ines Schneider Der Titel »Realismus: das Kino und die Politik des Ästhetischen« ist schwer nachzuvollziehen, bevor man Hermann Kappelhoffs Ausführungen nicht gelesen hat. Die Begriffe »Politik« und »Ästhetik« werden im allgemeinen Sprachgebrauch in so verschiedenen Bereichen benutzt, daß sie auf den ersten Blick kaum vereinbar scheinen. Auch beim Lesen erschließt sich der Zusammenhang der Theorien und Filmbeispiele erst nach und nach. Soll der Leser »Politik« ganz allgemein als die Kombination verschiedener Tendenzen begreifen, die zu einem funktionierenden, lebendigen Ganzen kombiniert werden, zum Beispiel zu einem kinematographischen Werk? Oder tatsächlich als Struktur einer Staatsform und der sozialen Realität, die sie schafft? Man kann Kappelhoffs Erläuterungen wohl folgendermaßen verstehen: Auf die Form eines Kinofilms bezogen ist »Politik« die Auswahl und Anwendung bestimmter Darstellungsmöglichkeiten beim filmischen Erzählen, im Bezug auf den Inhalt des Films ist »Politik« nicht nur eine Regierungs- oder Gesellschaftsstruktur, sondern auch ihre Auswirkung auf den Einzelnen.

In den vom Autor verwendeten Filmbeispielen wird versucht, politische Zustände nicht in Form von Schlagworten und Vereinfachungen deutlich zu machen, wie es im realen politischen Geschehen üblich ist. Den von Kappelhoff ausgewählten Regisseuren ist gemein, daß sie nach neuen Gesten, Techniken und Schauspielformen suchen, um sichtbar zu machen, »daß sich die Mächte der Geschichte nicht auf dem Feld der politischen Institutionen und Diskurse fassen lassen, daß sie vielmehr das Empfinden, die Sinnlichkeit und die Emotionen des einzelnen durchziehen“. Den Ansatz, mit den Mitteln der Kunst gesellschaftliche Befindlichkeiten zu beschreiben, bezeichnet Kappelhoff als »Realismus«, auch wenn es sich dabei um die Rekonstruktion einer vergangenen Epoche handelt, wie bei vielen Filmen Viscontis, um den Entwurf einer Distopie, wie in Kubricks A Clockwork Orange oder eines Horrorszenarios wie in The Exorcist von Friedkin.

Um die Merkmale des verbreiteten Realismus-Begriffs zu verdeutlichen, stellt Kappelhoff zunächst die verschiedensten Theorien vor, die Regisseure und Medientheoretiker entwickelt haben, um die Frage zu beantworten, wie hoch der Grad der Fiktionalisierung oder Ästhetisierung sein darf, um noch von »realistischen« Verhältnissen sprechen zu dürfen. Er spannt dabei den Bogen von Eisensteins Montagetechnik über Brecht, der seinen Schauspielern und dem Publikum jede Möglichkeit der Empathie verweigert, bis zu Almodóvars Interpretationen des klassischen Melodrams. Indem er untersucht, wie weit sich die Regisseure zwischen dem deutlich inszenierten Schauspiel und der perfekten Nachahmung bewegen, nähert er sich, und das ist das faszinierende an dieser Arbeit, einem anderen Verständnis von Realismus, nämlich einem Zustand der Verzerrung bis zur Kenntlichkeit. Beim Realismus, wie er in Kappelhoffs Filmbeispielen angewendet wird, geht es in den Augen des Autors nicht um die detailgetreue Abbildung eines Zustandes, sondern um die Art, wie dieser das Leben eines Individuums formt und oft genug auch deformiert. So wie diese Symptome nichts mit der Macht gemeinsam haben müssen, die auf die Menschen einwirkt, müssen die Mittel, die ein Filmemacher anwendet, um sie abzubilden, nichts mit den Mitteln einer nüchternen Dokumentation gemeinsam haben. Trotzdem sind diese Werke in all ihrer Künstlichkeit in der Lage, Stimmungen und Tendenzen innerhalb einer Gemeinschaft einzufangen.

Kappelhoffs Studie ist, obwohl man sich ein wenig einlesen muß, geradlinig aufgebaut. Nach dem etwas theorielastigen ersten Drittel erleichtern es die Bezüge auf konkrete Filmbeispiele und die farbigen Standbilder, seinen Ausführungen zu folgen. Die Kapitelverweise sind senkrecht am Seitenrand angeordnet, was nicht nur originell, sondern auch praktisch ist. Die Form findet sich auch auf dem ansprechend gestalteten Cover. Das Verzeichnis der Filme beschränkt sich leider auf die Hauptbeispiele. Hier werden die Mitwirkenden zwar recht ausführlich, aber eher unsystematisch aufgeführt: Regisseure und Editoren werden immer genannt, die Darsteller mal in größerer und mal in geringerer Zahl, die Komponisten der Filmmusik gelegentlich und die Ausstatter und Kostümdesigner bedauerlicherweise gar nicht, obwohl diese Filmschaffenden so viel zur Wirkung jeden Films und gerade auch zum Anspruch des Realismus beitragen.

Kappelhoff kann die in der Filmwissenschaft häufig diskutierten Texte und Werke vielleicht nicht in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lassen. Doch daß seine erneute Auseinandersetzung begründet ist, beweisen in diesen Tagen die Kommentare zur Berlinale. Kaum ein Filmkritiker verzichtet auf die Frage, ob der »politische Film« auch ausreichend auf dem Festival vertreten sei, eine Frage, die der F.A.Z. einige Spalten auf der ersten Seite wert war und in Kappelhoffs Sinne beantwortet wurde: »Wir brauchen das politische Kino. Aber nicht unbedingt Filme über Politik“ (Verena Lueken, 14.02.09) 2009-02-18 14:45

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