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Autobiografie als Performance

Kathleen Bühler: Autobiografie als Performance. Carolee Schneemanns Experimentalfilme. Zürcher Filmstudien 20. Marburg 2009. Schüren Verlag. 24,90 Euro.

Sehen, um zu fühlen

Von Ines Schneider Kathleen Bühler beschäftigt sich in ihrem Buch »Autobiografie als Performance« vor allem mit drei Kurzfilmen der 1939 im US-Staat Pennsylvania geborenen Künstlerin Carolee Schneemann. Schneemann bedient sich der verschiedensten Ausdrucksmittel. Was ihr Filmschaffen betrifft, kann man nur von wenigen abgeschlossenen Werken sprechen, diese wenigen empfindet Bühler jedoch als besonders intensiv und eindringlich.

Schneemanns Kunst soll, nach ihren eigenen Aussagen, nicht nur mit den Augen wahrgenommen werden, sondern so viele Sinne wie möglich ansprechen und reizen. Sie beginnt mit Malerei, fügt in spätere Bilder Objekte ein und entdeckt schließlich die Performance für sich. Eine Entwicklung, während der sich, laut Schneemann, ihre Werke erst auf der Fläche, dann in den Raum und schließlich in die Zeit ausgebreitet haben. Kathleen Bühlers Ausführungen zu der flüchtigen Kunstform der Performance erhalten heute, in einer Zeit, in der so viel wie möglich dokumentiert, gespeichert und beliebig oft wieder aufgerufen wird, einen besonderen Reiz. Doch auch Schneemann ist nicht frei vom Impuls, ihre Darbietungen festzuhalten, und aus ersten Super8-Mitschnitten entwickeln sich die Ideen zu ihren Kurzfilmen. Tagebuchartig richtet sie die Kamera dabei auf sich und ihre direkte Umgebung. Sie thematisiert ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Auch das Medium Film wird von ihr so eingesetzt, daß der Zuschauer eine Ahnung erhält vom Wind und Wetter am Drehort, den Emotionen und Sinneseindrücken der Protagonisten und nicht zuletzt von der Oberfläche des Zelluloids.

Was Kathleen Bühlers Analyse trotz des stark eingegrenzten Themas für einen größeren Kreis von Lesern aufschlußreich macht ist die Tatsache, daß Schneemann die sinnstiftenden und gestalterischen Grundlagen für ein heute verbreitetes und einflußreiches Medium mitgeschaffen hat: den Video-Blog. In jeder künstlerischen Gattung haben sich mit der Zeit bestimmte Herangehensweisen und Signale herausgebildet, die dem Rezipienten ermöglichen, die Zugehörigkeit eines Werkes zu einer bestimmten Form der Aussage zu erkennen. Die strukturellen, inhaltlichen und ästhetischen Elemente beispielsweise eines Kriminalromans werden vom Leser schnell erkannt und dienen dem Verständnis der Handlung. Der Kriminalfilm hat einige dieser etablierten Merkmale übernommen und entsprechend seiner Ausdrucksmöglichkeiten neue hinzugefügt, die nun dem Zuschauer die Orientierung in der filmischen Welt ermöglichen. Ebenso verhält es sich auch mit der Autobiographie. Bühler erläutert die Merkmale dieser zunächst literarischen Form und arbeitet dann deren Ausformungen im autobiographischen Film heraus. Auf dieser Basis untersucht sie Schneemanns Methodik in ihren Werken.

Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren rapide verändert und ermöglichen einer Vielzahl von Menschen etwas, das für Pioniere der unabhängigen Filmproduktion noch mit viel Zeit, Mühe und Improvisation verbunden war: Sie können ohne viel Aufwand ihren Alltag aufzeichnen oder sich mehr oder weniger weit davon wegbewegen und bewußt eine Figur kreieren und weiterentwickeln. Was bei Bühlers Erläuterungen zu Schneemann besonders deutlich wird ist, daß sich Filmer heute mit einem ganz anderen Selbstbewußtsein vor die Kamera stellen können. Carolee Schneemann muß ihre Videotagebücher noch gegen den Vorwurf des reinen Narzißmus verteidigen. Kathleen Bühler zeichnet nach, wie Schneemann ihrem künstlerischen Werdegang im Nachhinein eine Geradlinigkeit verleiht, die er wohl nicht immer gehabt hat. Sie stellt ihre Arbeit in späteren Interviews als gezielten Widerstand gegen die Rollenverteilungen in der Kunst, der Gesellschaft und im Privatleben dar. Sie gibt vor, die ihr zugewiesene Stellung als Künstlerin, Frau und Partnerin konsequent hinterfragt und neu definiert zu haben, denn anders kann sie ihre Existenzberechtigung als Kunstschaffende nicht rechtfertigen. Eine Rechtfertigung, die aber immer wieder aufs Neue von ihr verlangt wird, was den Wert ihrer Kunst kontinuierlich infrage stellt.

Unter diesem Erklärungsdruck stehen die Blogger von heute nicht mehr. Während Carolee Schneemann noch große Widerstände spürte und entkräften mußte, bevor der Blick allein auf den Inhalt, die Technik und die Wirkung ihrer Filme gerichtet wurde, müssen sie keine Gründe mehr dafür liefern, daß sie sich selbst der Öffentlichkeit präsentieren. Sie können sich anderen Fragen widmen, die ihnen relevant erscheinen und sich auf die Suche nach den persönlichen Aspekten machen, die ihrem eigenen Leben entnommen sind, in denen sich jedoch auch ein größeres Publikum wiederfinden kann. Der Werdegang von Carolee Schneemann führt vor Augen, welche große Freiheit wir mit diesem Ausdrucksmittel gewonnen haben. Mit ihrem Werk selbst hat sie unsere Fähigkeiten geschult, es auch zu nutzen und zu verstehen. 2009-01-26 13:44

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