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Tom Cruise

Andrew Morton: Tom Cruise. Der Star und die Scientology-Verschwörung. München 2008. Droemer Knaur. 432 Seiten. 19,95 Euro.

Popularität auf Seelenfang

Von Nicole Ribbecke Ein Lebenslauf, wie ihn sich jeder gerne ins Tagebuch gekritzelt hätte: Die Frauen liegen ihm seit seinen Jugendjahren zu Füßen. Sie sind hingerissen von dem charmanten Lächeln, das ihnen von der Leinwand entgegenstrahlt. Die Männer werden von der Coolness angezogen, die ihm, ob im Kampfjet oder im Rennwagen, aus jeder Pore zu dringen scheint. Der Actionheld mit der lässig im Mundwinkel hängenden Fliegerbrille, der nach anfänglichem Abweisen letztendlich doch noch das Mädchen durch gewinnendes Umgarnen betört – so lernte die Welt ihn kennen und lieben. Der Scientologe, das Schild der unantastbaren Allmacht vor sich her tragend und Katie Holmes der Filmwelt sowie ihres bisherigen Lebens entziehend – auf diese Weise lernte die Welt ihn mit argwöhnischem Blick betrachten. Der rasante Aufstieg zum Star und darauf folgende, fehlgeleitete Spiritualität kennzeichnen Aufstieg und Fall des Tom Cruise, ehemals Thomas Mapother. Geblieben ist ein fahler Geschmack pseudoreligiöser Propaganda und lächerlich anmutende Ausbrüche des hochbegabten Schauspielers, wie z.B. bei Oprah Winfrey. Der wohl peinlichste Auftritt seiner Laufbahn in ihrer Show brachte ihm und seinem Couchsprung (»jump the couch«) immerhin einen Eintrag in das Historical Dictionary of American Slang ein, und zwar als ein »von Tom Cruise inspirierter umgangssprachlicher Ausdruck für übertrieben begeistertes oder bizarres Verhalten«.

Das ikonographische Trugbild hält weder dem kritischen Blick der Presse bzw. Fans stand noch dem seines Biographen Andrew Morton, der wohl am ehesten durch die intimen Geständnisse Lady Dianas im Gedächtnis haften geblieben ist. In »Diana. 1961-1997 – Ihre wahre Geschichte in ihren eigenen Worten« gab er die von ihr enthüllten Geheimnisse des britischen Hochadels preis.

Die »nicht autorisierte« Biographie über das Naturtalent Cruise (eine Schultheateraufführung, bei der eine Agentin anwesend war, markiert den märchenhaften Einstieg in seine Karriere) ist nicht weniger brisant. Zumindest ab der zweiten Hälfte des Buches beginnt sich das Lesen wahrlich zu lohnen. In der ersten gibt die Ahnenforschung belanglose Auskunft über die irische Abstammung des Superstars und ein Logbucheintrag verrät den Tag, an dem der erste seiner Vorfahren amerikanischen Boden unter den Füßen spürte, bevor endlich der berühmteste Mapother in Augenschein genommen wird. Weniger aufschlußreich ist die Information, daß in irgendeiner Straße, in der die Familie des jungen Thomas damals wohnte, George Washington übernachtet hatte, als der Umstand, daß dem kontrollfixierten Filmhelden aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung und Popularität ein beschleunigter Ein- und Aufstieg in der dogmatischen Sekte ermöglicht wurde, welche sich primär um die Rekrutierung reicher Prominenter bemüht, die der doktrinären Religion als Legitimation dienen sollen – ein Seelenfänger, der vom Stützpunkt Hollywood aus operieren soll. Tom Cruise verfolgt seit dem 11. September 2001 mit missionarischem Eifer seine höheren Aufgaben als Vertreter seiner Religion. Er verwandelte sich zum demagogischen Prediger auf dem Kreuzzug einer totalitären Sekte, zum selbsternannten omnipotenten Heiler und guten Samariter. Auf einer der zahlreichen, faschistisch gefärbten Kundgebungen der Organisation »versprach [er] der ihm huldigenden Menge feierlich, sein Leben von nun an der Verbreitung der Scientology-Lehre zu widmen«.

Cruise soll längst, neben David Miscavige, den informellen zweiten Rang in der Hierarchie des Franchiseunternehmens erobert haben. Die angestrebte Weltmacht läßt ihn in jüngster Vergangenheit denn auch über die Grenzen der neuen Welt hinaus den Finger in die deutsche Wunde bohren. Die, nach Andrew Morton, gefährlichste Berühmtheit der Welt schlüpft für sein neuestes Filmprojekt in die Rolle des Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dieser Machiavellismus soll laut Morton mit den Olympischen Spielen von 1936 vergleichbar sein. Erschreckend deutlich seien die Parallelen zwischen dem apokalyptischen Fundamentalismus der Sekte und der rechtsextremen Ideologie. Andrew Morton macht darauf aufmerksam, daß eine Verharmlosung hier fehl am Platze sei. Scientology sei eine medizinische, moralische und soziale Bedrohung der Gesellschaft, die in Deutschland Fuß fassen will, stiller Zeuge sei der demonstrative Turm inmitten Berlins. Einschüchterungsstrategien der Stasi fänden ihr Pendant in der Sea Org, einer paramilitärischen Bruderorganisation, die die Diffamierung jeglicher Opposition zur Aufgabe habe. »Sie wollten ihre ideologischen Sturmtruppen im Tarnkleid künstlerischer Integrität und religiöser Freiheit durch die Straßen Berlins marschieren lassen.«

Während der Lektüre sollte man eines nicht aus dem Auge verlieren: Andrew Morton stützt sich bei seiner Großwildjagd hauptsächlich auf anonyme Quellen. Diese Anonymität soll wiederum als Schutz vor den Anhängern der Sekte dienen, die angeblich manch sich abwendendes Mitglied in den Selbstmord getrieben haben soll. Irgendwann verlieren sich all diese Geschichten im dunklen Kosmos dieser Vereinigung, die sich ungern in die Karten schauen läßt. Dies allein sollte Grund genug zur Beunruhigung geben. Übervater Ron L. Hubbard hat jedenfalls seinen Körper bereits verlassen, um seine Seele auf die Reise durch die Galaxie zu schicken. David Miscavige und Tom Cruise, die Doppelachse an der Spitze der »Gläubigen«, ihres Zeichens Thetane, gefallene Götter, warten nun entweder auf dessen Rückkehr oder auf ihre eigene Fahrt durch das All. Doch wer in Top Gun den gesamten Luftraum unter Kontrolle hatte, dem ist das Weltall wohl gerade groß genug. 2009-01-15 13:15

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