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Horror Cinema

Jonathan Penner, Steven Jay Schneider: Horror Cinema. Köln 2008. Taschen. 191 Seiten. 19,99 Euro.

Bücher, die das Fürchten lehren

Von Nils Bothmann Bücher aus dem Taschen-Verlag sind meist aufwendige Bildbände, eine Kollektion von Aushangfotos, was sich entsprechend im Preis niederschlägt. Im Falle von »Horror Cinema« entstammen die versammelten Bilder dem titelgebenden Genre, decken verschiedenste Subgenres ab und dokumentieren allerlei filmhistorische Momente des Gruselns. Wirklich schaurig sind allerdings die Texte, die sich um die bunten Bildchen herum versammelt haben.

Das ehrgeizige Vorhaben, das dermaßen breitgefächerte Genre abzudecken, wird an sich bereits durch mangelnden Platz unterlaufen, weshalb die Essays aufgrund ihrer Kürze voller Fehlformulierungen und nicht zuende geführter Gedankengänge stecken. Da wird als große Besonderheit angeführt, daß The Sixth Sense einen Plottwist als Pointe brachte, als ob dies das Neue an dem Film gewesen wäre bzw. es dies noch nie vorher gegeben hätte. Auch diskussionswürdige Ansätze werden schnell runtergebürstet und als Fakt dargestellt, obwohl es diskutabel ist, ob man Ridley Scotts Alien als Weltraum-Slasher bezeichnen darf. Von daher stecken bereits die Essays selbst voller schwer haltbarer Thesen, Fehler und Halbwahrheiten, doch in den Bildunterschriften setzt sich dieser Trend nahtlos fort.

An einer Stelle ordnet die Bildunterschrift drei Bilder allein Eraserhead zu, obwohl zwei davon Die Wiegen des Bösen sowie Basket Case entstammen (alle drei Filme werden auch im Text behandelt). An anderer Stelle werden zwei Bilder John Carpenters The Thing zugeschrieben, obwohl eines definitiv aus einem anderen Film stammt. Neben solchen ärgerlichen Fehlern enthalten aber auch diese Texte ähnlich fürchterliche Stilblüten wie die Essays. Um mal ein ausführlicheres Beispiel zu bringen: »Horror Cinema« verwendet zwei Bilder Dario Argentos Suspiria. In der ersten Bildunterschrift wird der Film noch als surreales Meisterwerk bezeichnet. Bildunterschrift zwei enthält folgenden Text: »Argento schuf wie der Sexualist Tinto Brass Anfang der 1970er Jahre ein neues ‚Erregungskino’. Diese ‚Eurotrash’-Filme, die, ganz auf Design und Sinnlichkeit ausgerechnet, inmitten der architektonischen Pracht Italiens angesiedelt waren, verkörperten jene Spannung zwischen der Bürde der Geschichte und der Anziehungskraft der Gegenwart, die zur damaligen Zeit so viele Jugendliche in Europa spürten.« Dabei ist die Tatsache, daß Suspiria in Freiburg spielt und in Deutschland gedreht wurde, nicht mal der schlimmste Faux Pas. Viel schlimmer ist der erste Part der Behauptung; das ist fast so, als würde man Rainer Werner Fassbinder in einem Atemzug mit dem Schulmädchen-Report nennen und dann ebenfalls der Eurotrash-Welle zuordnen.

Die lieblose Übersetzung paßt sich nahtlos dem schludrigen Niveau der Texte an, weshalb man gar nicht genau sagen kann, ob die Behauptung, das Paar in Die Vögel fahre zu ihrer und nicht zu seiner Mutter, nun Falschaussage der Autoren oder Übersetzungspatzer ist. Andere Fehler sind hingegen klar auf dem Mist der Eindeutschung gewachsen. So zitiert man den Alien-Werbespruch »In space no one can hear you scream« als »Im Weltall kann dich niemand schreien hören«, obwohl der sehr bekannte Satz auf dem deutschen Plakat »Im Weltall hört dich keiner schreien« lautete. Zudem bleibt fraglich, ob man die Termini »exploitation« und »torture porn« wirklich wörtlich übersetzen muß, da sich die Originalbegriffe in der deutschen Filmwissenschaft eingebürgert haben.

Am Ende des Buchs folgt schließlich eine Filmographie, die gerade mal zehn Titel erfaßt und deren Sinn nicht klar ist. Sie führt weder alle genannten noch alle bebilderten Filme in dem Buch an; auch sonst kann man nur mutmaßen, warum genau diese zehn Filme angeführt werden. Handelt es sich um die für die Autoren zehn wichtigsten Horrorfilme? Die zehn besten? Ihre zehn persönlichen Genrefavoriten?

Während Genrefans sich angesichts der massiven Falschaussagen bloß ärgern dürften, Laien aber Gefahr laufen, die Texte in ihrer Unerfahrenheit für bare Münze zu nehmen, kann man beiden Gruppen nur anraten, den Gegenwert des Buches lieber in ein paar Horror-DVDs zu investieren. Da gibt es die bunten Bilder dann sogar in bewegt. Für die einen ist »Horror Cinema« jedenfalls schludrig recherchiertes Lückenmaterial zwischen hübschen Aushangfotos. Für die anderen das vermutlich schaurigste Bilderbuch der Welt. 2009-01-06 13:28

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