— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hin zum Film – Zurück zu den Bildern

Joanna Barck: Hin zum Film – Zurück zu den Bildern. Tableaux Vivants: »Lebende Bilder« in Filmen von Antamoro, Korda, Visconti und Pasolini. Bielefeld 2008. Transcript. 32,80 Euro.

Keine Bewegung!

Von Ines Schneider Ein »Tableau Vivant«, ein mit lebendigen Personen und realen Gegenständen nachgestelltes Gemälde, ist sowohl für die bildende wie auch für die darstellende Kunst ein kurioses Phänomen. Menschen erstarren in der Bewegung, um einen im Bild eingefangenen Augenblick zu verkörpern. Wenn diese paradoxe Vorgehensweise in den Erzählfluß der bewegten Bilder eingefügt wird, kann das nicht ohne Grund geschehen. Joanna Barck untersucht in »Hin zum Film – Zurück zu den Bildern« diese möglichen Gründe anhand verschiedener Filmbeispiele. Im Vorfeld ihrer Betrachtungen führt sie den Leser jedoch in die Entwicklung des Tableau Vivants ein, von seinen Anfängen als Stilmittel in Theaterstücken, über seine Verbreitung in den bürgerlichen Salons der Weimarer Klassik bis zu seinem Tiefpunkt als pornographische Attraktion, die als Nachstellung bedeutender Aktmalerei getarnt wird. Für jeden kunstinteressierten Leser ist es ein Gewinn, von der Autorin vor Augen geführt zu bekommen, wie die klassischen Kunstformen einander angenähert und mit einander verwoben werden.

Ihr dann zu den Anwendungsmöglichkeiten des Tableau Vivant im Kino zu folgen ist nicht weniger fesselnd. Laut Barck wird es in den verschiedensten Filmen stets dazu benutzt, einen Dialog herzustellen, zwischen den Kunstformen und Techniken genauso wie zwischen den Epochen. Giulio Cesare Antamoro zitiert schon 1916 in seinem Film Christus ein berühmtes Fresko der Verkündigung, um die junge Filmkunst in die Nähe der Malerei zu setzen und damit kulturell aufzuwerten. Er versöhnt mit diesem Bezug zur Hochkultur auch die religiösen Gefühle der Kritiker, die eine biblische Szene nicht zur bloßen Massenunterhaltung herabgewürdigt sehen wollen. Zusätzlich kann er das Publikum auch noch mit der völlig neuen Technik der Überblendung beeindrucken, die es ermöglicht, das auf dem Vorbild nur erahnte Erscheinen eines Engels visuell erfahrbar zu machen. Alexander Korda verfolgt 1933 in Henry VIII einen anderen Ansatz. Bei der Ausstattung werden deutlich die auf den bestehenden Königsporträts sichtbaren Kostüme und Arrangements nachgeahmt, so daß der Filmemacher für sich in Anspruch nehmen kann, das Publikum historisch zu bilden. Luchino Viscontis Filme dagegen nehmen so deutlich Bezug auf eine ganz bestimmte, auf Gemälden vielfach dargestellte soziale Situation, daß dieser kurze Moment in der Zeit wie unter einem Brennglas wahrgenommen wird. Mißstände werden dadurch besonders deutlich. Bei seinem Kollegen Pier Paolo Pasolini wiederum sieht Barck eine Sehnsucht nach einem natürlichen, unverfälschten Leben, das er auf früheren Darstellungen des ländlichen Italiens zu erkennen meint und in seinen Filmen thematisiert.
Joanna Barck stellt bei ihren Ausführungen immer das betreffende Bild und einige Filmstills gegenüber, was selbst im Fall von kleinen, schwarzweißen Abbildungen eine enorme Bereicherung ist und ihre Thesen nachvollziehbar macht und weiter untermauert.

Das Tableau Vivant ist ein Kunstgriff in der filmischen Ausdrucksweise. Barck erläutert ausführlich die künstlerischen und sozialen Querverweise, die sich aus seiner Anwendung im Fluß der filmischen Erzählung ergeben. Gelegentlich geht sie dabei zu sehr ins Detail. Produktionsbedingungen oder der Werdegang eines Regisseurs sind oft wichtige Hintergrundinformationen bei der Beurteilung eines Films, doch manchmal schweift die Autorin ab und verliert sich in immer neuen Einzelheiten, die nicht mehr viel zum Verständnis beitragen. Statt sich in so hohem Maße auf wenige Beispiele zu konzentrieren, von denen das jüngste aus dem Jahre 1970 stammt, hätte sie vielleicht auch die letzten Entwicklungen des Tableau Vivant in Theater und Film behandeln können. Natürlich kann man Barcks Untersuchung aber auch als Anregung verstehen, selbst herauszufinden, wie das Prinzip in Werken wie Where the Heart Is von John Boorman, What Dreams May Come von Vincent Ward oder schlicht den Simpsons angewendet wird und welche Aussagen sich heute darin finden lassen.

Das Buch bleibt jedoch eine lohnende Lektüre für jeden Filmemacher. Es beleuchtet nur einen kleinen Bereich im Kunst- und Filmschaffen, doch indem die Verflechtungen verschiedener Kunstformen, die Entstehungsbedingungen und die Wiederbelebung in einer anderen Zeit und mit anderen Darstellungsmitteln so umfassend beschrieben werden, wird die Freude am Finden und Variieren vergessener Verfahren neu entfacht. Und das kann die eigene Vorstellungskraft nur bereichern! 2009-01-01 16:10

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap