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Das Gefühl der Gefühle

Margrit Frölich, Klaus Gronenborn, Karsten Visarius (Hg.): Das Gefühl der Gefühle. Zum Kinomelodram. Marburg 2008. Schüren Verlag. 19,90 Euro.

Was das Kino erlaubt

Von Martin Holtz Als in den 1970er Jahren die Filmtheorie das Melodram für sich entdeckte, war das Genre augenscheinlich in industrieller und kommerzieller Hinsicht nicht (mehr) existent. Es war, ebenso wie der Film Noir, eine theoretische Konstruktion der Filmkritik, ein »Phantomgenre«, wie Thomas Elsaesser schreibt. Was aber der schmale, unscheinbare, also ganz und gar nicht melodramatisch wirkende Band eindrucksvoll belegt, ist die universelle Relevanz des Melodramatischen für den Film und die zeitgenössische Medienkultur insgesamt. Das Kino wird definiert als Affektraum, in dem man seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann, und Film als Abfolge von bewegten und bewegenden Bildern, die in der Kombination von Musik und Drama einen immanent melodramatischen Charakter haben. Die Definition des Begriffs »Melodrama«, die dem Titel der Aufsatzsammlung zugrundeliegt, wird am treffendsten von Hermann Kappelhoff formuliert: »das sinnliche Erleben eigener Empfindsamkeit«, also das Gefühl zu fühlen, die Konfrontation mit der eigenen Menschlichkeit.

Das Herzstück des Buches ist sicherlich Elsaessers einleitender Aufsatz. Der Kritiker, der 1972 mit seinem wegweisenden »Tales of Sound and Fury: Observations on the Family Melodrama« den Stein ins Rollen brachte, veranschaulicht konzise und präzise die filmtheoretische Geschichte des Melodrams. Dabei berücksichtigt er grundlegende Fragen der Definition und Konnotation, um sich dann der komplexen Beziehung des Genres zur dominanten Ideologie zu widmen. Thematisch behandelt das Melodram potentiellen Zündstoff wie die dysfunktionale Familie, weibliche Subjektkonstruktion und die Rebellion des Individuums gegen die Gesellschaft. Der augenscheinlich affirmative Charakter des Genres wird unterwandert durch Irrealität, Exzeß und Hysterie in der narrativen Struktur und Bildkomposition, wodurch subversive Tendenzen innerhalb des konservativen Hollywoodkinos zutage treten. Die genreimmanenten Widersprüche und Spannungen haben es gerade für die feministische und psychoanalytische Filmtheorie zu einem ergiebigen Untersuchungsgegenstand gemacht. Neue Wege beschreitet Elsaesser, indem er entgegen der gängigen Meinung, das Melodrama hätte seine Popularität längst eingebüßt, behauptet, daß sich der melodramatische Modus in der Reproduktion und Rezeption von Geschichte durchgesetzt hat sowie sich in einer »Kultur der Klage« niederschlägt. Gerade in der mittlerweile unüberschaubar gewordenen Medienlandschaft ist »die Zurschaustellung privater Gefühle […] der dominante Modus von Authentizität« geworden. Opfertum und öffentliche Emotion werden um ihrer selbst willen inszeniert und treten an die Stelle politischen Handelns. Mit diesen Überlegungen illustriert Elsaesser, wie sich das Melodram weit über Genregrenzen hinaus als bedeutsame Weltanschauung verstehen läßt, die seit ihrer Formulierung mit Aufstieg des Bürgertums im 17. Jahrhundert nichts an Relevanz verloren hat.

Weitere Kapitel des Buches behandeln nicht weniger spannende Thesen, die die Vielfalt theoretischer Anknüpfungspunkte innerhalb der Thematik belegen. So behauptet Kappelhoff zum Beispiel, daß das Melodrama mimetische Grenzen überwindet, indem es die Realität der Empfindung ungefiltert auf den Zuschauer überträgt, der zusätzlich als aktiver Rezipient das Bild des Pathos einverleibt und sich so seiner eigenen Empfindsamkeit bewußt wird. Außerdem befaßt sich Kappelhoff ebenso wie Susanne Marschall mit Fragen der Darstellung von undarstellbaren Gefühlen und Zuständen der Entgrenzung, für die das Genre ausgeklügelte ästhetische Strategien der Überhöhung und kompositionellen Metaphorik entwickelt hat.

Abgerundet wird das in jeder Hinsicht empfehlenswerte Buch mit behutsamen und detaillierten Filmanalysen von sechs verschiedenen Melodramen, die in ihrer nationalen, historischen, kulturellen und thematischen Vielfalt die Universalität des Genres eindrucksvoll unter Beweis stellen. 2008-12-22 12:15

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