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Film-Genus

Andrea B. Braidt: Film-Genus. Gender und Genre in der Filmwahrnehmung. Marburg 2008. Schüren Verlag. 208 Seiten. 24,90 Euro.

Was wir sehen und was wir sehen wollen

Von Ines Schneider Auch heute noch schließen sich Professoren der Filmwissenschaft in ihren Einführungsveranstaltungen gerne Truffaut an, der meinte, Kino zeige schöne Frauen dabei, wie sie schöne Dinge tun. Fast jede angehende Filmstudentin wird daraufhin denken: »Und warum sollte ich mir das anschauen wollen?« Sie könnte das Fach wechseln, nur um in einem anderen eine Leseliste in die Hand gedrückt zu bekommen, auf der nur sporadisch einmal eine Autorin auftaucht. Sie könnte auch selbst Filme drehen, die etwas anderes zeigen. Oder sie wird innerhalb ihres Fachbereichs eigene Theorien entwickeln und sie mit gesicherten Argumenten untermauern. An die letzte Gruppe wendet sich Andrea B. Braidts Buch »Film-Genus«. Der Untertitel »Gender und Genre in der Filmwahrnehmung« läßt auf eine weitere Diskussion der Rollenverteilung im Film schließen, das Werk bietet jedoch mehr als das.

Einiges hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten und einiges nicht: Auf der Leinwand kämpft Sigourney Weaver, auch noch im fortgeschrittenen Alter, mit Aliens und Jodie Foster mit Schurken, Jennifer Lopez dagegen mit ihren Oberschenkeln und der klassischen Zweierbeziehung. Dafür werden schöne Dinge heute gelegentlich auch von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger getan. Doch das Medium Film bietet noch zahllose weitere Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, Figuren zu gestalten und Filme zu verstehen, wenn Produzenten, Filmemacher und Publikum sich von den immer gleichen Mustern lösen. Die narrativen Strukturen, die wir in unserem Leben erlernt haben, können noch unendlich variiert werden. Braidt will es dem Leser ermöglichen, die Konstruktion hinter der Handlung zu erkennen und zu überwinden.

Sie bietet zunächst einen Überblick über die Entwicklung und den heutigen Stand der wissenschaftlichen Arbeit zu den Themen »Genre« und »Gender«. Beide sind, so Braidt, untrennbar verbunden: Indem wir die Konventionen des Genres akzeptieren, knüpfen wir eine bestimmte Erwartungshaltung an das Verhalten der Figuren; indem die Figuren auf eine bestimmte Art agieren, geben sie Hinweise auf das Genre, in das wir einen Film einordnen. Diese Wechselwirkung, von der Autorin »Film-Genus« genannt, wurde häufig untersucht, doch Braidt sieht in den Theorien, die sie im ersten Teil des Buches vorstellt, einen Schwachpunkt: Sie gehen nicht im ausreichenden Maße darauf ein, wie der individuelle Zuschauer die Summe der narrativen Signale wahrnimmt und welche Schlüsse er für sich daraus zieht. Doch hier wird die Untersuchung der sinnstiftenden Hinweise innerhalb einer Filmerzählung Braidt zufolge erst fruchtbar. Nicht die Annahme einer kollektiven Wahrnehmung führe zu aufschlußreichen Erkenntnissen über die Beziehung Genre/Gender und ihren Einfluß auf den Betrachter, sondern die direkte Befragung vieler einzelner Rezipienten.

Die Autorin schlägt eine empirische Methode vor, um die Erfahrungen von Einzelpersonen festzuhalten und die Ergebnisse auszuwerten. Sie will keinen statistischen Durchschnittswert ermitteln, sondern aufdecken, welche Veränderungen in der Darstellung und Wahrnehmung von Figuren und Handlungen tatsächlich stattgefunden haben und welche Erzählmuster Einfluß auf den einzelnen Zuschauer ausüben. Braidt stellt als Mittel die Heidelberger Strukturlegetechnik (SLT) nach Brigitte Scheele und Norbert Groeben vor. Hier wird einer Gruppe von Versuchspersonen im ersten Schritt eine sorgfältig konzipierte Auswahl von Fragen vorgelegt: »offene, ungerichtete«, »offene, auf bestimmte Hypothesen gerichtete Fragen« und »Störfragen, die die Versuchspersonen mit alternativen Erklärungen konfrontieren.« Die Antworten werden protokolliert. Im zweiten Schritt wird die Person gebeten, anhand von Kärtchen, die mit »Definitionen von Begriffen, Beziehungen zwischen Begriffen« usw. versehen sind, die von ihr erkannte Struktur des Films oder Textes als Strukturbild darzulegen.

Braidt erörtert die Grundlagen dieser Technik, doch was die praktische Anwendung betrifft, wären einige konkrete Beispiele hilfreich. Auf Seite 117 wird zwar erläutert, welchen Themenschwerpunkte die Interviewfragen haben könnten, die aufgeführten Fragen sind aber noch so abstrakt formuliert, daß sie für das folgende Gespräch mit dem Rezipienten noch nicht geeignet scheinen. Ähnlich verhält es sich mit den Stichworten auf den Kärtchen, die die zugrundeliegende Struktur offenlegen sollen. Ein ganzer Interviewverlauf und die daraus gezogenen Erkenntnisse wären vielleicht zu umfangreich, um sie im Buch wiederzugeben, doch es wäre nützlich, so einer Befragung einmal ausführlich folgen zu können.

Die Autorin liefert nicht nur einen Beitrag zu stereotypen Darstellungen im Film, sondern eine Untersuchungsmethode, mit der deren Wirkung auf den Betrachter ermittelt werden kann. Die Lektüre wäre auch für Leser ein Gewinn, die nicht die Themenbereiche Genre/Gender bearbeiten möchten. Auf die von ihr vorgeschlagene Herangehensweise ließen sich beispielsweise auch die Zusammenhänge zwischen Kinobildern und Ethnie ausloten. Braidt ist vor allem an so vielen Einzelerfahrungen wie möglich interessiert. Dieser Ansatz würde jede filmtheoretische Studie bereichern.

Andrea B. Braidt behandelt eingehend vorangegangene Forschungsarbeiten zu den Themen »Genre« und »Gender«, von den Anfängen des Kinos bis heute. Sie stellt ihre eigenen Untersuchungen damit auf ein mehr als solides Fundament. Sie analysiert sorgfältig die einzelnen Standpunkte, darauf aufbauend ist der Text von den Fachbegriffen und Definitionen der Semiotik, Literatur- und Filmwissenschaft durchsetzt, was die Lektüre nicht nur für den interessierten Laien anstrengend werden läßt. Da man bei einigen ihrer Kolleginnen, wie Inga Golde, einen ähnlichen Umgang mit wissenschaftlichen Termini feststellen kann, drängt sich hin und wieder der Verdacht auf, daß eine Wissenschaftlerin noch um einiges gezielter und akkurater formulieren muß als ein Wissenschaftler, um als anspruchsvolle Forscherin wahrgenommen zu werden. 2008-12-11 11:52

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