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Noch mehr Exposees, Treatments und Konzepte

Dennis Eick: Noch mehr Exposees, Treatments und Konzepte. Erfolgreiche Beispiele aus Film und Fernsehen. Konstanz 2008. UVK Verlagsgesellschaft. 182 S. 17,90 Euro.

Viele Worte für den Papierkorb

Von Ruth Rehmet Sequels haben Hochkonjunktur. Das dachte sich vielleicht auch Dennis Eick, als er schon zum zweiten Mal »Noch mehr Exposees, Treatments und Konzepte« ins Scheinwerferlicht holte. Die schweißtreibenden und in der Entwicklung hart umkämpften Vorformen des fertigen Drehbuchs werden sonst in der Drehbuchliteratur eher stiefmütterlich behandelt. Gerade nach Beispielen für die einzelnen Textarten sucht Autor oft vergeblich, obwohl es häufig von der Qualität dieser Texte abhängt, ob man Produzenten, Redakteure und Förderer begeistern kann, ob aus einer Idee ein Film wird oder ob sie in der Schublade landet.

Eick, promovierter Drehbuchspezialist, Dozent und Ex-RTL-Redakteur, nimmt den Leser in seinem Buch auf eine Reise durch verschiedene Vorstufen der Buchentwicklung von der ersten Idee in Form eines Pitch-Papiers bis hin zur Serienbibel. Im Vordergrund steht dabei nicht wie in seinem ersten Buch, »Exposee, Treatment und Konzept« das stilistische und inhaltliche »Wie« beim Verfassen der jeweiligen Texte, auf das nur kurz zu Beginn jedes Kapitels eingegangen wird. Den Schwerpunkt legt der Autor auf den Stoffentwicklungsprozeß selbst und illustriert ihn am Beispiel erfolgreicher Drehbücher der letzten Filmjahre. Collageartig stellt Eick das Exposee eines preisgekrönten Kino- und Autorenfilms (Auf der anderen Seite von Fatih Akin) neben das Konzept einer erfolgreichen Fernsehserie (Berlin, Berlin von David Safier). Er läßt die Texte verschiedener Genres und den individuellen Stil jedes Autoren für sich sprechen und beendet die Kapitel mit Kommentaren von Autoren oder Produzenten über die Arbeit an ihrem Stoff. Das ist spannend und informativ, da man so einiges über den jeweiligen Entwicklungsprozeß und nebenbei interessante Anekdoten erfährt. Wer wußte beispielsweise, daß Dani Levy die Idee zu Alles auf Zucker schon zehn Jahre vor der Fertigstellung des Films niedergeschrieben hatte? Oder daß Fatih Akin den mit mehreren Drehbuchpreisen ausgezeichneten Film Auf der anderen Seite zusammen mit seinem Editor Andrew Bird im Schnitt komplett restrukturierte? Wann und warum Eick jeweils Autoren oder Produzenten für die Statements auswählte, bleibt allerdings unklar. Gerade beim Serienkonzept von Berlin, Berlin wünscht man sich einen Kommentar von Autor David Safier und fragt sich, warum in einem Buch, das sich explizit mit dem Schreiben von Drehbüchern beschäftigt, eigentlich (fast) nur die Autoren zu Wort kommen, die auch selbst Regie führen.

Eick gelingt es, in dem Buch den Blick für die Drehbucharbeit als Prozeß zu schärfen, in dem viele Stufen zurückgelegt und eine ganze Reihe Beteiligter gehört werden müssen. Außerdem kann sich der Leser an den Beispielen ein Bild der verschiedenen Genres und ihren inhaltlichen und stilistischen Erfordernissen schon in frühen Stoffentwicklungsstufen machen. Die Offenheit und kaleidoskopartige Aneinanderreihung ganz verschiedener Textbeispiele ist die Stärke, aber auch die große Schwäche des Buches. Das extrem breite Spektrum der versammelten Genres und Filmbeispiele wirkt etwas zu willkürlich, das Kriterium des Kassen- bzw. Quotenerfolgs nicht verbindend genug. Eicks Konzept, Informationen zu den Textsorten mit ausführlichen Beispielen zwischen zwei Buchrücken zu bündeln, geht nicht ganz auf. Der Leser bekommt in jedem Kapitel Lust auf mehr Information, beispielsweise die Kommentare mehrerer Beteiligter oder Texte in verschiedenen Entwicklungsstadien. Aber er muß sich mit einer Blitzlichtaufnahme und einem Statement begnügen, um dann im nächsten Kapitel wieder mit einem völlig anderen Text, Film und Entwicklungsprozeß konfrontiert zu werden. Am Ende bleibt der Eindruck, viel Information in der Breite bekommen zu haben, der es an Fokus und Tiefe fehlt.

Wer ein Lehrbuch im konventionellen Sinne erwartet, wird hier enttäuscht. Wer seinen Blick für den komplexen Prozeß des Schreibens von Drehbüchern schärfen möchte und das Buch als Anregung versteht, mit den Texten und jeweiligen Filmwerken selbst weiterzuarbeiten, der ist bei Eick richtig und findet Antworten auf offene Fragen vielleicht im dritten Band zum Thema. 2008-11-27 12:00
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