— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die chinesische Sonne scheint immer von unten

Achim Dunker: Die chinesische Sonne scheint immer von unten. Konstanz, 5. überarbeitete Auflage, 2008. UVK Verlagsgesellschaft. 194 Seiten. 14,90 Euro.

Professionelles Schattenwerfen

Von Ines Schneider Achim Dunker macht gleich zu Beginn von »Die chinesische Sonne scheint immer von unten« klar, daß es keine Anleitung zur korrekten Ausleuchtung geben kann. Jede Situation hat ihre Eigenheiten, es gibt mehr als eine Möglichkeit, damit umzugehen, und das Ergebnis ist nie richtig oder falsch. Experimentieren mit Raum und Licht ist die beste Art zu lernen, Ausprobieren bleibt auch für den erfahrenen Beleuchter oft der einzige Weg, die beste Lösung zu finden, und der Meinungsaustausch zwischen den Mitgliedern eines Drehteams kann dem Prozeß nur nutzen. Indem er dies verdeutlicht, nimmt Dunker den Laien unter den Lesern die Befangenheit und sorgt dafür, daß sie das Buch nie frustriert oder überfordert zur Seite legen, sondern fasziniert sind von den zahlreichen Möglichkeiten der Lichtgestaltung.

Kapitel für Kapitel diskutiert der Autor die Fragen, die sich dem Filmschaffenden stellen und die Schritte, die daraufhin notwendig sind. In einer klaren schnörkellosen Sprache, die an eine Vorlesung im Hörsaal erinnert, geht er methodisch die wichtigsten Aspekte der Lichtdramaturgie durch. Von Anfang an erläutert er jeden Fachbegriff und setzt keine Einzelheit und keine Situation am Set als bekannt voraus. Sorgfältig behandelt er erst die Grundlagen, bevor er erklärt, wie ganz bestimmte Lichtstimmungen kreiert werden können. Zunächst erläutert er die mögliche Richtung und Wirkung des Lichteinfalls. Dann kommt er zu den technischen Mitteln, mit denen die künstliche Beleuchtung erzeugt wird. Er nennt ebenfalls kleine Tricks, mit denen diese Technik zusätzlich manipuliert werden kann. Anhand von einigen im Spielfilm häufig vorkommenden Situationen beschreibt er die gängigen Formen der Lichtsetzung. Er widmet sich ebenfalls den natürlichen Lichtverhältnissen im Freien und schildert, wie man sie nutzen, verstärken oder unsichtbar machen kann. Auch wenn das Experiment für den angehenden Lichtsetzer einen wichtigen Teil der Ausbildung darstellt, ist dem Autor wohl bewußt, daß zu einer langwierigen Testphase am Drehort oft die Zeit und die Mittel fehlen. Aus diesem Grund bemüht er sich, dem Leser ebenfalls eine Vorstellung vom Aufwand einer bestimmten Beleuchtungssituation zu vermitteln, damit dieser schon im Vorfeld Logistik, Zeit und Kosten einzuschätzen weiß. Er hätte vielleicht noch etwas ausführlicher auf die Unterschiede zwischen Film- und Digitaltechnik eingehen können, doch da »Die chinesische Sonne…« regelmäßig in überarbeiteter Neuauflage erscheint, wird vielleicht auch dieser Punkt in Zukunft noch näher behandelt werden.

Achim Dunker versucht zusätzlich, die Wahrnehmung seiner Leser zu schärfen, indem er ans Ende von jedem Kapitel eine kleine Anregung stellt, die hilft, die zahllosen Lichtsituationen des Alltags zu erkennen und zu analysieren. Zwar hat die auf einen dramatischen Effekt hinzielende Beleuchtung eines Filmsets oft wenig mit der realen Welt und der darin herrschenden Physik zu tun, wie es auch im Titel des Buches schon anklingt, doch die Übungen machen den Betrachter sensibel für Lichtverhältnisse, ihre Ursachen und für die Art, wie wir sie wahrnehmen.

Ohne Illustrationen wäre es wohl kaum möglich, verständlich über Licht als Gestaltungsmittel zu sprechen. Dunker nennt gelegentlich einzelne Filme als Beispiel für eine bestimmte Einsatzweise, doch er verdeutlicht das Vorgehen vor allem anhand von zahlreichen Zeichnungen und Fotos. Nur einmal versucht er, allein mit Worten eine fiktive Szene lebendig werden zu lassen und eine sinnvolle Lichtsituation dafür zu beschreiben. Ohne optische Anhaltspunkte ist es an dieser Stelle fast unmöglich, seinen Ausführungen zu folgen. Aber diese Unklarheit vermittelt dem Leser nur noch stärker, was für eine sinnliche, unmittelbare Erfahrung der Umgang mit Licht und Schatten ist.

Interviews mit renommierten Lichtsetzern und Kameramännern ergänzen den theoretischen Teil. Der Fotoingenieur Dunker fällt bei seinen Befragungen selten in einen leichten Plauderton. Er möchte seinen Gesprächspartnern keine unterhaltsamen Anekdoten entlocken, sondern erkundigt sich nach ihrem Arbeitsanspruch, den Arbeitsbedingungen und nach den Punkten, an denen Kompromisse geschlossen werden müssen. So erfährt der Leser, daß die Filmschaffenden ganz verschiedene Ansätze verfolgen, wie sehr sich die Erwartungshaltung einer deutschen Produktionsfirma von der einer US-amerikanischen unterscheiden kann oder daß für die gleiche Szene in einem Werbespot eine völlig andere Form der Beleuchtung gewählt wird als in einem Spielfilm.

»Die chinesische Sonne…« ist ein Leitfaden. Hier sind erprobte Verfahren festgehalten, so daß der Anfänger eine passende Herangehensweise auswählen kann. Ob das im Buch beschriebene Vorgehen schon die Lösung für die entsprechende Aufgabe ist, entscheidet sich erst am Set. Achim Dunker schafft mit diesem Buch die Grundlagen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. 2008-11-13 12:20

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap